Fabian Russ © Reiner Eckel

Der Orchestroniker Fabian Russ

Wir sprachen mit Fabian Russ über seine Arbeit.

© Leonhard Higi

Was ist Orchestronik?

Aus heutiger Perspektive zurückblickend auf die letzten zehn Jahre Arbeit denke ich, dass Orchestronik in erster Linie immer ein Traum von mir war, eine Vision zur organischen, musikalischen Verbindung all dessen, wo ich musikalisch herkomme und wo ich immer hinwollte: klassische Musik stellvertretend für Musik, die in irgendeiner Form auf akustischen Instrumenten er- zeugt wird, elektronische Musik, wobei dies durchaus alles an digitalisiertem Audiomaterial sein kann, und der Klang all dessen im dreidimensionalen Hörraum, ob Kopfhörer oder verräumlicht um den Zuhörer herum. Das will Orchestronik sein.

Für jemanden, der sich mit diesem Thema noch nie beschäftigt hat. Was macht Fabian Russ?
Fabian Russ war und ist Zeit seines Lebens damit beschäftigt, sein Erleben der Welt in Musik zu kleiden und auszudrücken. Mag profan klingen, ist aber so. Es ist letztlich die einzige Sprache, von der ich zwar nicht weiß, ob ich sie beherrsche, aber von der ich weiß, dass ich sie liebe und mich darin wohlfühle. Bezogen auf meine Arbeit als Musiker bedeutet das, dass ich wie jeder andere Mensch auch in mich aufnehme, was um mich herum in der Welt passiert, und es dann musikalisch wiedergebe in Form meiner Handschrift. Das kann musikalisch so ziemlich alles sein, muss ich ehrlich sagen.

Orchestronik 2015

Woher kommt die Leidenschaft, Musik mit Technik zu kombinieren und neu- oder zu- rückzuübersetzen, am Recomposing, wie es heute heißt?

Woher diese Leidenschaft genau kommt, kann ich nicht sagen. Aber ich habe als junger Mensch schon die Geräte meines Vaters auseinandergenommen und meist auch nicht wieder zusammenbekommen. Ich wollte ihr Innenleben verstehen, hatte aber nur ein sehr begrenztes Verständnis von dem, was mich erwartete in den Geräten. Technik, in welcher Form auch immer, ist, wenn man mit Musik zu tun hat, fast nie wegzudenken. Im 21. Jahrhundert ist das, was wir machen, z.B. das Komponieren von Genre-Hybriden für den Raum, verbunden mit den hochkomplexen Möglichkeiten des objektbasierten Mischens. Technisches Interesse ist an allen Fronten gefragt in meinem Falle, aber durch meine Teams bin ich glücklicherweise nicht mehr darauf angewiesen, Geräte zu verstehen und sie dann kaputt zu hinterlassen.

Was fügt sich wie in Ihrer Arbeit zusammen?

In meiner Arbeit – der ich einst zwischen der klassischen Musik, die mein Vater als Orchestermusiker machte, und Hip-Hop, den wir produzierten, aufwuchs – ist so eine natürliche Neugier, immer wie- der Dinge miteinander zu verbinden, die klanglich für mich von Interesse sind, die mich faszinieren, mir gefallen. Dann kommen aber vor allem auch die Menschen dazu in den Produktionen, deren Anwesenheit für mich ganz viel trägt und mit denen ich mich gerne für die Arbeit verbinde. Meist gibt es einen Auftrag oder aber auch eine eigene Idee, die dann eine Weile gärt, bis sie beginnt, so stark zu sein, dass ich sie mir wohl genauer anschauen muss, und dann verbinden sich die Dinge. Alles ist miteinander verbunden.

im Zeitzer Dom

Wie viele Sinne, Genres und Komponenten kann man in ein Werk packen, damit es noch wahr- und aufnehmbar ist?

Das ist eine gute und tolle Frage, die ich schwerlich eindeutig beantworten kann. Da hat ja jeder so seine eigenen Kapazitäten und die können sehr unterschiedlich sein. Die eine so, der andere an- ders. Wo beginnt denn auch das Werk und wo endet es? Wenn ich ein Stück mache, dann fügen sich oft andere Gewerke hinzu, leisten ihren Beitrag, und schnell kann man das eine nicht mehr vom anderen abgrenzen. Aber dennoch bin ich natürlich der festen Überzeugung, dass man sich und sein Werk prüfen muss. Immer wieder und wieder. Ganz ehrlich. Auf seine Tragfähigkeit, auf seine Klarheit, den überflüssigen Kram wegputzen, wieder und wieder. Dann entsteht in jedem Falle etwas, das man zumuten kann, denke ich.

Wie reagieren gestandene Orchestermusiker:innen auf Ihre Arbeit, den Einsatz von Technik und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit, das Scheitern inklusive?

Anfangs hatte ich viel Angst, und als ich das erste Mal mit großem Orchester gearbeitet habe oder mit anderen Orchesterformationen, hatte ich die Befürchtung, dass man mich nicht ernst nimmt mit meiner Musik. Aber ich hatte tolle Menschen um mich herum, die haben z.B. die Proben geleitet, das Orchester mit der Musik vertraut gemacht und ein paar grundsätzliche Dinge für die Orchesterarbeit immer zuverlässig exzellent gelöst: absolut fehlerfreies Notenmaterial, Musik, die für die Instrumente geschrieben ist und signalisiert: „Ich kenne mich mit Deinem Instrument aus, lieber Orchestermusiker und gebe mir Mühe.“ Dazu noch eine schöne musikalische Idee, die alle im Orchester auf ihre Weise gut auslastet. Dann hat man schon viel gewonnen! Regelmäßiges Scheitern ist dennoch an der Tagesordnung.

Russ-Ableton LISA

Sie arbeiten vornehmlich mit Samples. Komponieren Sie diese alle selbst, bezogen auf den Komponisten, die Werke, die Sie bearbeiten, oder greifen Sie auf eine existierende digitale Bibliothek zurück?

Man kann sagen: Ich greife auf alles zurück, was mir sinnvoll erscheint. Bibliotheken habe ich natürlich auch, ein paar sehr schöne, aber über die vielen Jahre hat sich ein so enorm großer Pool, eine Bibliothek an Material angesammelt, dass es immer etwas gibt, wo ich reinhören kann, was ich da- zunehme. Aufnahmen kommen dann hinzu, und die Samples, mit denen ich arbeite, sind ja ebenso oft das Material aus den CDs, die ich erhalte für die Kompositionen, die rechtlich geklärt sind und in denen ich dann beginne zu „fischen“ und zu stöbern nach akustischem Material, das meine Aufmerksamkeit bindet auf Dauer. Da am Ende alles durch verschiedene Veredelungs- und Masteringprozesse läuft, kann ich mir immer sicher sein, dass es gut klingen wird, was ich für enorm wichtig halte.

Wer ist bzw. wer oder was gehört zum Team Russ, damit ein Stück zu einer perfekten Auf- führung kommt?
Das variiert mitunter stark. Je nach Produktion sind wir viele oder wenige. Das reicht dann von einem Tonmeister über einen Mastering-Engineer bis hin zu einem Orchestrator, einem zweiköpfigen Kamera- und Dokumentationsteam, Konzepter, Fundraiser, Institutionen, Förderer und viele mehr. Manchmal aber bleibt auch alles ganz klein und überschaubar. In jedem Falle aber ist wichtig zu sagen, dass meine Ideen nur durch die Anwesenheit all dieser Leute zu Leben erweckt werden. Alleingänge würde ich niemandem empfehlen, lieber exzellente Partner suchen und alles abgeben, was man nicht kann. In meinem Falle ist das vieles.

im Zeitzer Dom

Welche Bedeutung hat der Raum und dessen Nutzung für Sie, und wie war die Entwicklung von einem horizontalen Set-up zu einer Klangveräumlichung?

Klang im Raum ist, was ich liebe. Sobald ich beginne, ein Signal zu verräumlichen, erwacht meine musikalische Seele. Das ist wirklich so. Von dort aus kann man anfangen zu spielen und Räume in Räume stecken, staffeln, unwirklich kombinieren und somit Welten schaffen, die es physikalisch nicht gibt und eben doch gibt. Wir haben damals 2011 horizontal begonnen, dann wuchs alles immer mehr, und schon 2015 in einer Riesenproduktion hat mein Kollege Carlo Grippa (Ton) ein Set-up ersonnen, in dem sich alles um uns herum bewegen ließ. Die Idee hat uns nicht mehr verlassen, bis wir 2018 das System unserer Träume entdeckten zur Verwirklichung kühner Ideen im dreidimensionalen Raum. Und da sind wir heute.

In einem Interview sprachen Sie davon, dass Sie einen Raum in einen Raum in einen Raum platzieren, die Illusion von Räumern um einen herum platzieren können. Was passiert da, was macht es mit einem und wie nimmt man dies wahr?

Über die Jahre habe ich lernen dürfen, dass Menschen mitunter (natürlich) Wahrnehmung unter- schiedlich interpretieren. Nicht alles, was ich mir in grenzenloser Selbstverliebtheit ausdenke, wird musikalisch auch so wahrgenommen. Meist eher ganz anders. Mitunter werden die Stücke zu kom- plex, dann muss ich sie reduzieren in ihren Bewegungen im Raum, ihre Wirkung geht im Chaos verloren, bringt dem Stück also nichts mehr. Kürzlich aber haben wir mit dem System zweimal bei zwei Installationen innerhalb unseres Domes den akustischen Effekt einer grenzenlosen Weite produzieren können, wie wir sie selbst noch nicht erlebt haben. Das war für uns bewusstseinserweiternd.

© Leonhard Higi

Welche Rolle spielt Immersive Art in Ihren Produktionen?

Das ist ein Begriff, zu dem ich gar nicht viel sagen kann. Ich kenne ihn schlicht nicht. Aber wenn ich von der Übersetzung des Wortes immersiv ausgehe und ich weiß, dass das ein aktuell trendiger Begriff ist, dann sollte natürlich jedes Werk zum Eintauchen einladen und wenn es das tut und der Zuhörer angetan ist, wird er tauchen gehen und fasziniert werden. Insofern ist das unser Wunsch, ja, aber ob wir den immer erfüllen können, weiß ich nicht. Wir versuchen es.

Sie arbeiten seit vielen Jahren mit und für das Heinrich Schütz-Musikfest und die Intendantin Christina Siegfried. Heinrich Schütz wird heute als Pionier der immersiven Musik bezeichnet. Wie viel Heinrich Schütz steckt in Fabian Russ, wo lernen Sie von ihm, wo inspiriert er Sie?

Um genau zu sein: für und mit dem Heinrich Schütz Musikfest, das ist richtig. Heinrich Schütz steckt, denke ich, in vielen von uns drin. Er ist immerhin Vorreiter von Bach, und ohne ihn hätte es Letzteren vermutlich nur in anderer Form gegeben. Ich lerne von ihm in seiner Strenge in seinen Werken, aber auch mit den Mitteln zu arbeiten, die die jeweilige Zeit ermöglicht. Ein Schütz musste Zeit seines Lebens ständig aufgrund äußerer Umstände wie z.B. Krieg umdisponieren und hatte aber für alles immer neue und immer noch bessere musikalische Ideen. Das versuche ich genauso: mit dem zu arbeiten, was da ist. Das ist inspirierend.

Anlässlich des 350. Todestags von Heinrich Schütz und im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes führen Sie den Zyklus „Kaleidoskop der Räume“ auf. Was erwartet die Besucher:innen?

Insgesamt erwartet die Besucher:innen ab diesem Jahr dann der vollständige, vierteilige rework- oder auch Bearbeitungszyklus, den ich auf Basis von vier großen Schützwerken erarbeitet habe. Jedes Werk von mir ist bis zu 30 Minuten lang und wird in unsrer akustischen Kuppel mit 32 Lautsprechern, in der kleineren Variante mit acht Lautsprechern, und in einer binauralen Mischung für Kopfhörer dargeboten – an verschiedenen Aufführungsorten. Man kann bis zu zwei Stunden am Stück den gesamten Zyklus hören in diesem Festjahr zu Schütz’ 350. Todestag.

Mit dem Programm gehen Sie auch auf Tour?

Wir gastieren in diesem Jahr an verschiedenen Orten mit dem Programm. Das reicht von Leipzig bis zum Musikfest Erzgebirge, von der Frauenkirche bis Kassel, aber auch Weißenfels, Gera und zum Schluss des Jahres Magdeburg, um nur einige Stationen zu nennen. An allen Orten werden verschiedene Varianten den Zyklus zum Erklingen bringen.

Mit SWALK haben Sie eine interaktive Audio- Anwendung geschaffen, die erstmalig beim Heinrich Schütz Musikfest zum Einsatz kam. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ja, 2018 hatte ich die Idee, dass man auf einem Spaziergang durch den Wald auf sein Handy schaut und dort auf eine Karte: Man sieht z.B. auf einer Waldlichtung auf der Karte eine runde Markierung und sobald man diese Lichtung aufsucht und den Kreis betritt, wird man in Musik gehüllt. Ort und Musik verbinden sich zu einem Neuen, man sieht den Wald mit anderen Augen. So meine einfache Vision. Die Musik wird per GPS-Trigger gestartet, das ist der stark vereinfachte technische Hintergrund. Diesen Prototypen haben wir für das Heinrich Schütz Musikfest in 2019 realisiert. Man kann dort an Lebensstationen des Komponisten mit seinem Handy Originalaufnahmen, Informationen zu seiner Person und eine musikalische Bearbeitung von mir hören. Man muss dafür nur vor Ort sein und braucht kein spezielles Gerät.

Was für Voraussetzungen gibt es für einen SWALK, wenn sich ein Festival oder Ort dafür interessiert?

Wenn sich ein Festival oder Ort dafür interessiert, kann man jederzeit Kontakt mit uns aufnehmen und besprechen, was gewünscht ist oder was es für Ideen gibt.

Orchestronik 2015

Seit einiger Zeit nehmen Sie Anlauf Richtung Los Angeles und Hollywood, wo sie schon an einigen Projekten arbeiten. Unter anderem an hybriden Soundtrack-Formaten in Zusam- menarbeit mit dem Grammy-Gewinner Lasse Järvi. Welche Herausforderungen erwarten Sie dort?

Lasse und ich haben uns 2018 kennengelernt und forschen seitdem, kann man so salopp sagen. Wir schätzen die Arbeit des anderen sehr und diese beginnt auch langsam Früchte zu tragen, aber dazu darf ich noch nicht zu viel verraten. Lasse und sein Team haben 2018 den Grammy für die Dokumentation „The Defiant Ones“ erhalten, zu Recht, sie ist schlicht ein Meisterwerk, durch das ich mich angezogen fühlte. Ich bin sehr glücklich, dass es diese tolle Verbindung über den Ozean gibt und letztlich geht es bei unserer Arbeit auch darum, das Unmögliche musikalisch mit dem Möglichen zu verbinden und neue, ungehörte Spielarten zu schaffen. Er ist einer meiner ältesten Träume, der von der Filmmusik, aber es hat fast ein Leben gebraucht, die richtigen Menschen dafür zu finden. Solche Dinge brauchen viel Zeit, Hollywood ist unbeständig.

Wie und wohin wird sich die Musik, die Filmmusik entwickeln?

Das ist eine gute Frage, die ich schwerlich beantworten kann, weil die Spielarten doch so vielfältig sind, auch wenn mitunter der Eindruck einen das Gegenteil, also Vereinheitlichung sehen lässt. An dieser Stelle müsste ich über eine Kristallkugel verfügen, leider aber sind die aktuell nicht lieferbar wegen Chipmangel.

Wohin entwickelt sich Fabian Russ?

Ich denke, wie jeder Mensch immer mehr zu sich selbst hin, wenn ich das so sagen darf. Letztes Jahr hatte ich zehn Jahre Selbstständigkeit und mit Sicherheit werden die meisten lachen, wenn sie das lesen, denn was sind schon zehn Jahre? Aber in den zehn Jahren und davor durfte und konnte ich so viel machen, so viel probieren, so viel umsetzen, Stück für Stück, Traum für Traum, dass ich mir vielleicht mal eine Auszeit gönnen werde im kommenden Jahr, um dann die neue Marschroute zu erspüren. Um die zu hören, braucht es eher Ruhe, das weiß ich. Alles Weitere wird sich daraus ergeben. Die Richtung mit Lasse Järvi fühlt sich schon sehr gut an, das weiß ich, denn das Arbeiten mit Hip-Hop und neu zu schaffenden Hybriden und der Möglichkeit, dort auch alles andere einfließen zu lassen und ggf. ein Riesenpublikum damit anzusprechen, das gefällt mir gut. Dann kommt meine Liebe zur Musik zur Geltung.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.