Daniel Schnyder

INTERVIEW
Wir sprachen mit Daniel Schnyder

Sie stehen als „Gastgeber“ hinter dem Programm „Brahms in Brazil“. Was hat es damit auf sich, denn Johannes Brahms hat Europa ja nie verlassen?

Das ist richtig; Brahms ist der berühmteste klassische Musiker aus der Umgebung des Festivals und die Reise nach Brasilien und Südamerika ist natürlich fiktiver Natur. Er hat sich nie eingeschifft nach Übersee wie Dvorak oder Rachmaninoff. Wir machen aber in diesem Programm einige musikalische Fantasiereisen. So spielen wir auch aus den zweistimmigen In- ventionen Bachs eine Brazil-Version. Und be- spielen die Harmonik und Melodik Mozarts in einem Samba-Groove. Die Idee ist, die Orchesterwelt – die alte Welt – mit den afroamerikanischen Klängen der neuen Welt zusammenzubringen. Das ist nicht meine Erfindung. Heitor Villa-Lobos schrieb eine Bachiana und auch Piazzolla schrieb viel Musik, die Bach und eu- ropäische klassische Musikmotive aufgreift und neu erfindet.

Ein Großteil der zur Aufführung kommen- den Stücke sind von Ihnen geschrieben, interpretiert, weiterentwickelt oder „re-composed“ worden. Wie kam es zu dieser Programmidee und nach welchen Kriterien haben Sie diese zusammengestellt?

Die Idee des CLASSICAL BEAT Festivals in diesem Jahr war es, einen südamerikanischen Schwerpunkt zu setzen. Von da aus habe ich all diese Ideen dann entwickelt. Das Programm ist also ein Unikat. Ich wollte einerseits sehr berühmte Stücke, die alle kennen, neu und anders orchestral präsentieren (wie Girl from Ipanema), eine Hommage an Antonio Carlos Jobim, Stan Getz, Astrid und Joao Gilberto, Claus Ogerman, Clare Fischer etc. Andererseits aber auch die vielleicht etwas weniger populären oder bekannten brasilianischen Komponisten wie Sivuca, Hermeto Pascoal oder Baden Powell präsentieren.

Wie muss man sich einen solchen Prozess vorstellen? Sie sprechen quasi von einem musikalischen Reisebericht: Welche Bilder, Orte gingen Ihnen dabei durch den Kopf. Reale Orte, wo Sie selbst schon waren, oder sind es imaginäre, sinnbildliche Orte?

Ja; ich war schon in Brasilien, habe diese Reisen aber jetzt nicht örtlich, geographisch gemeint, sondern rein musikalisch.

Wie haben Beethoven, Mozart, Brahms und Bach die Musik Brasiliens, Lateinamerikas beeinflusst?

Es ist eine sehr starke Verbindung zu Bach erkennbar, wie ich oben schon gesagt habe. Die Musik Lateinamerikas ist auch zumeist tonal oder dann, wie bei Hermeto, Klangexperiment und Kollektivimprovisation (Karnevalprinzip). Der Fokus liegt fast immer auf der Rhythmik.

Gibt es Beispiele in die andere Richtung, wo Künstler:innen, Musikrichtungen die Musik in Europa beeinflusst haben?

Ja, das ist ein weites Feld. Natürlich wird die lateinamerikanische Musik viel mit Rhythmus in Verbindung gebracht. Ich verwende in meiner Kammer- und Orchestermusik viele Elemente, die von lateinamerikanischer Musik beeinflusst sind. Es gab in der Vergangenheit viele französische Komponisten wie etwa Jean Françaix oder Darius Milhaud, die diese Rhythmik in ihren Werken reflektierten. In neuerer Zeit gibt es wenig Verbindungen zwischen lateinameri- kanischer Musik und neuer klassischer Komposition. Die meisten Komponisten heute sind mit der Musik leider nicht vertraut. Während die musikalischen Welten zwischen den Weltkriegen zusammenwuchsen, sind sie nach dem zweiten Weltkrieg wieder weit auseinandergegangen. Das können wir ändern.

Sie sind bekannt als Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik, Tradition und multimedialer Zukunft, dem die Ganzheitlichkeit in der Musik interessiert. Woher kommt diese Lust am Suchen, Ausprobieren und Finden und wann ist für Sie ein Stück perfekt?

Das ist wohl auch biographisch zu erklären: Ich wohne in Harlem, NYC, dem Schmelztiegel aller Kulturen. Auch Piazzolla, Jobim, Paquito D‘Rivera, Claudio Roditi und viele andere leben oder lebten hier. Komponieren ist der Prozess des Zusammenstellens, der Synthese der Musik. Und wir leben heute in einer globalen Musikwelt, nicht mehr in der europäischen Musikwelt des 19. Jahrhunderts. Das ist das fundamentale Problem der klassischen Musik. Wenn wir das hier nicht lösen können, werden wir zum Museum.

Wie haben Sie die Instrumentierung, die Künstler für „Brahms in Brazil“ ausge- wählt und zusammengesetzt?

Es ist ein normales klassisches Kammerorchester mit Brasilianern an Bass und Schlagzeug/ Percussion. Eben: Brahms in Brazil!

Das Programm ist ambitioniert. Wie hoch sind die Anforderungen an die jungen Musiker:innen des CLASSICAL BEAT Orchesters, die sich die Stücke in sportlicher Zeit „drauf schaffen“ müssen?

Ja, das ist die Herausforderung: Die brasilianische Musik ist sehr notenreich, schnell und virtuos. Brasilien ist ein riesiges Land und hat unglaubliche Talente; Naturtalente wie z. B. die beiden Albinos Hermeto oder Sivuca. Die Musik braucht also schnelle Finger und ein sehr gutes Rhythmusgefühl, da sie sich teils viel schneller bewegt als herkömmliche klassische Musik. Wir werden sicher intensiv trainieren!

Sie sind in der Schweiz geboren, leben in New York und sind musikalisch auf der ganzen Welt zuhause. Sie haben sich in vielen Musikstilen, Rhythmen und Stilen ausprobiert und in Ihre Kompositionen einfließen lassen. Was ist noch nicht entdeckt? Welches Reiseziel, welche Musikrichtung steht noch auf Ihrer Agenda?

Ich habe noch ein großes Opernprojekt – oder zwei, je nachdem ... Und ich möchte vor allem auch noch viel spielen und ausprobieren; das Material habe ich nun geschaffen. Auch möchte ich vermehrt junge Leute mit verschiedenen Musikideen vertraut machen und begleiten; das ist neu für mich. Für mich ist es schön, dass ich Programme wie „Brahms in Brazil“ ma- chen kann, verschiedene Musiker, Kontinente, Menschen zusammenbringen, Festivalkonzerte mit einem einmaligen Programm neu gestalten kann. Es wird viel zu viel immer dasselbe überall gut gespielt. Das kann nicht die Idee einer kreativen Kunstform sein. Ich will Neues spielen oder Altes neu spielen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.