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Vergangenheit trifft Zukunft

Die Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 setzen auf die Kraft der Erinnerung und stellen philosophische Fragen nach dem, was uns in der Zukunft erwartet.

Auf der Leipziger Buchmesse wurden am 15. März 2018 die Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 bekannt gegeben. 32 Titel haben es auf die Liste geschafft und versprechen Leseabenteuer quer durch alle Zeiten.

Die Kritikerjury hat 24 Bücher nominiert, jeweils sechs in den Sparten Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch. Mal erzählen sie federleicht mit viel Humor oder spielen mit bekannten Figuren aus der Märchenwelt. Mal setzen sie auf die Kraft der Erinnerung oder entwerfen dystopische Zukunftsvisionen, die aufgrund des technologischen Fortschritts und künstlicher Intelligenz nicht mehr unmöglich erscheinen, und regen zum kritischen Nachdenken an. Bemerkenswert ist auch die Bandbreite der Illustrationsstile, die zum Entdecken der Bücher einlädt und das qualitative Zusammenspiel von Text und Bild aufzeigt.

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Die sechs Leseclubs der bundesweiten Jugendjury haben sich durch rund 250 Jugendbücher gearbeitet. Ihre Favoriten beschäftigen sich alle auf die eine oder andere Weise mit den Themen Mut und Zivilcourage und verbinden ein spannendes Leseerlebnis mit der Frage: „Wie würde ich in dieser Situation handeln?“ Sei es, indem sie in der Geschichte zurückgehen und an den Wiederstand zu Zeiten des Nationalsozialismus erinnern oder jüngste Beispiele aus der US-amerikanischen Geschichte zum Thema Rassismus behandeln. Mit Angie Thomasʼ The Hate U Give (cbt) liegt eine Überschneidung mit den Nominierungen der Kritikerjury vor.

Die Sonderpreise werden in diesem Jahr im Bereich Übersetzung vergeben. Mit dem Sonderpreis „Neue Talente“ soll auf die Leistungen deutscher Übersetzer*innen, die sich noch keine feste Marktposition erarbeitet haben, aufmerksam gemacht werden. Hierfür hat die Sonderpreisjury Werke geprüft, die in den letzten zwei Jahren erschienen sind, und drei deutsche Übersetzerinnen nominiert. 

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Mina Arnoldi qualifizierte sich durch die anspruchsvolle Fachübersetzung eines koreanischen Fahrradsachbuches. Lisa Engels meisterte die Herausforderungen der genre- und charaktertypischen direkten Rede, die beim Comic zum Einsatz kommt. Gesa Kunter traf beim Übersetzen einer kreativen Textwerkstatt die kluge Entscheidung, schwedische Gedichte durch adäquate deutsche Beispiele zu ersetzen und Originaltöne dort beizubehalten, wo es für den deutschen Leser verständlich ist.

Unter allen Nominierungen finden sich zwölf deutschsprachige Originalausgaben und zwanzig Übersetzungen aus anderen Sprachräumen wie dem Englischen, dem Französischen, dem Italienischen, aber auch aus Russland, Skandinavien, Japan oder Korea sind Werke dabei. Die Jurys trafen ihre Auswahl aus 580 eingereichten Büchern, davon waren 55% deutschsprachige Originalausgaben und 45% Übersetzungen.

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Insgesamt ist der Deutsche Jugendliteraturpreis mit 72.000 Euro dotiert; die Preisträger werden am 12. Oktober 2018 auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Stifter ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ausrichter der Arbeitskreis für Jugendliteratur. Alle Juroren sind ehrenamtlich tätig.

Schon seit 1956 zeichnet der Staatspreis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus. Er will die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche mit einem breiten Literaturangebot in ihrer Persönlichkeit zu stärken und Orientierungshilfe auf einem schier unüberschaubaren Buchmarkt zu bieten. 

Die Nominierungsbegründungen der Jurys sowie Bildmaterial zum Download finden Sie auf der Homepage des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. unter www.jugendliteratur.org

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INTERVIEW

Ist der Jugendliteraturpreis genügend präsent in den Schulen in Deutschland? Darüber und über die Didaktik in der Vermittlung von Lite- ratur im Deutschunterricht haben wir mit dem Jurymitglied Prof. Dr. Jan Standke gesprochen.

Welches Buch aus Ihrer Jugend würden Sie immer und immer wieder lesen?
Jan Standke: Wenn ich die Zeit hätte und es nicht noch so viel Neues oder bislang Übersehenes, Vergessenes, zu Unrecht Verschmähtes usw. zu lesen gäbe, würde ich sicherlich Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ noch mehrmals zur Hand nehmen. Der Roman hat mich vor Jahren begeistert und die Verfilmung war überhaupt die erste filmische Adaption eines Buches, das ich selbst gelesen habe. Etliche Jugendromane, die ich heutzutage lese, erinnern mich übrigens sehr an Endes Geschichte um den Außenseiter Bastian, ein zauberhaftes Buch und die Macht der Fantasie. Zudem hat der Roman eine spannende Rezeptionsgeschichte. Was hat man diesem Buch in den letzten Jahrzehnten nicht alles vorgeworfen? Letztlich ist „Die unendliche Geschichte“ für mich vor allem ein Plädoyer für die Macht der Literatur, die in ferne Welten führen kann, die bei genauem Hinsehen doch sehr viel mit unserem Hier und Jetzt zu tun haben. Von solchen „Einladungen“ zur Literatur, die Menschen jeden Alters zum Lesen verführen können, wünsche ich mir auch heutzutage mehr.

Die prägendste Lektüreerfahrung des Deutschunterrichts war für mich aber Thomas Manns „Der Tod in Venedig“. Faszinie- rend, vielschichtig, auch etwas verstörend und der Türöffner zu einem der besten Erzähler der Weltliteratur. Zum Glück muss ich mich hier ja nicht zwischen Mann und Ende entscheiden.

Haben Sie schon einen Favoriten? Ein ein- faches Ja oder Nein reicht uns natürlich.
Jan Standke: Ja!

Was macht für Sie ein gutes Jugendbuch aus?
Jan Standke: Das ist eine Frage, auf die man viele richtige Antworten finden kann: Ein gutes Jugendbuch ist für mich persönlich vor allem ein sprachlich ästhetisches Ereignis. Wenn Autorinnen und Autoren einen ungewöhnlichen Ton, eine innovative sprachliche Form, eine mutige Perspektive finden, dann bin ich neugierig. Ein gutes Jugendbuch zeichnet sich aber natürlich auch durch ein feines Gespür für Themen, Fragen und Probleme aus, die in der Gegenwart ju- gendlicher Leserinnen und Leser von Bedeutung und erzählenswert sind. Ob das literarisch gelingt, hängt nicht zwingend vom Stoff ab. Gute Jugendbücher können sowohl von den Erfahrungen Heranwachsender im 18. Jahrhundert erzählen, wie es beispielsweise Mackenzi Lee in ihrem wunderbaren und sprachlich opulenten historischen Jugend- roman „Cavaliersreise. Bekenntnisse eines Gentlemans“ (2017) tut. Ein gutes Jugendbuch kann aber genauso gut, wie z.B. Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ (2017), dokumentarisch präzise vom Aufwachsen in der DDR der Vorwendezeit berichten oder, wie Karl Olsbergs „Boy in a White Room“ (2017), den Leser in philosophische Fragen nach Wirklichkeit und Virtualität verstricken. Wichtig ist mir, dass Texte interessante Sichtweisen eröffnen, an Frem- des heranführen, aber auch Vertrautes fremd erscheinen lassen können. Wenn ein Text elementare Erfahrungen wie Freude, Angst, Sehnsucht, Liebe, Trauer usw. auf unterhaltsame Weise sprachlich zum „Klingen“ bringt und dieser Klang in jungen Leserinnen und Lesern etwas bewegt, dann haben wir es mit einem guten Buch zu tun.

Wie wichtig ist Ihnen in Ihrer Jury- und Lehrtätigkeit der Kontakt und Dialog mit der Jugendjury, mit Schülerinnen und Schülern?
Jan Standke: Sehr wichtig! Die Arbeit der Jugendjury beobachte ich mit großem Respekt und Begeisterung. Es ist großartig, mit welcher Kenntnis und Souveränität im Urteil die jungen Kolleginnen und Kollegen die unzähligen Neuerscheinungen sichten, ihre Nominierungen erarbeiten und präsentieren. In meiner Lehrtätigkeit als Universi- tätsprofessor für Didaktik der deutschen Literatur habe ich vor allem mit Lehramtsstudierenden, aber immer wieder auch mit Schülerinnen und Schülern zu tun. Die Juryarbeit ist für mich dabei natürlich eine wahre Goldgrube, denn viele Titel, die wir in der Jury diskutieren, stelle ich auch im Seminar oder im Unterricht vor. Dieser Realitätscheck führt immer wieder zu überraschenden Ergebnissen: So ist es mir schon passiert, dass Studierende oder Schüler manche Texte, von denen ich angetan war, kritisch beurteilen. Interessanterweise waren das zumeist Bücher, durch die sich die Studierenden und Schüler pädagogisch belehrt fühlten. Und in vielen Fällen hatten die jungen Leserinnen und Leser recht. Auf keinen Fall wollen sie durch einen literarischen Text unterfordert oder reglementiert werden. Von der Gegenwartsliteratur erwarten junge Leser mehr als die Vermittlung erwünschter Sichtweisen und Normen. Deshalb lerne ich im gemeinsamen Gespräch in Universität und Schule immer wieder Neues über Texte, die ich eigentlich gut zu kennen glaubte. Zugleich fühle ich mich durch diese Erfahrungen darin bestätigt, dass anspruchsvolle, gute Jugendliteratur im Unterricht ihre Berechtigung hat.

Als wir im letzten Jahr unsere Kinder für die Preisverleihung schulbefreit haben, war die Empathie für den Jugendliteraturpreis begrenzt. Auch eine angedachte Präsentation der prämierten Bücher, Erfahrungen von der Buchmesse vor der Klasse stieß bei den Fachlehrern auf kein Interesse. Ist aktuelle Jugendliteratur, der Jugendliteraturpreis in den Schulen genügend präsent?

Jan Standke: Es ist sehr schade, dass Ihre Kinder nicht von der Preisverleihung berichten durften. Ich bin ziemlich sicher, dass ein solcher Bericht aus erster Hand bei anderen Schülern Neugier auf den Literaturbetrieb geweckt hätte. Vermutlich sind solche Erfahrungen kein Einzelfall, aber hoffentlich auch nicht die Regel. Ich habe schon den Eindruck, dass der neueren Jugendliteratur auch im Deutschunterricht eine zunehmend größere Bedeutung zukommt. Das verdeutlichen nicht nur, ein wenig entgegen der Erfahrung Ihrer Kinder, die Schulklassen und Lehrer, die man auf den Buchmessen an den Ständen der KJL-Verlage trifft. In vielen offiziellen Leseempfehlungen werden aktuelle Titel der Kinder- und Jugendliteratur genannt, es erscheinen monatlich neue Unterrichtsmaterialien und auch im Lehramtsstudium spielt die KJL eine wichtige Rolle. Das war freilich nicht schon immer so und hat etwas mit der Erosion von Vorbehalten zu tun, die der Kinder- und Jugendliteratur gegenüber in Unterricht und Studium lange gehegt wurden. Der Arbeitskreis für Jugendliteratur und andere Initiativen, die sich für die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur einsetzen, machen eine bewundernswerte Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt spannende Fortbildungsangebote und Workshops. Außerdem stelle ich immer wieder fest, dass die Nominierungen und schließlich die Preisträger der einzelnen Sparten des Deutschen Jugendliteraturpreises für Lehrerinnen und Lehrer eine wichtige Orientierung bei der Auswahl von Texten für den Unterricht bilden. Die Jugendliteratur ist also durchaus präsenter als noch vor einigen Jahren. Der Deutsche Jugendliteraturpreis hat an dieser wachsenden Popularität sicherlich einen nicht geringen Anteil. Aber dennoch: Für die Vermittlung der Jugendliteratur gibt es noch viel zu tun.

Warum immer wieder die Klassiker, zum Teil die gleichen, die wir schon vor dreißig Jahren in der Schule gelesen habe, und nicht öfter ein aktuelles Jugendbuch? Dik- tat des Lehrplans, fehlender Mut, zu aufwendige Einarbeitung und Vorbereitung?
Jan Standke: Die Debatte um mehr oder weniger Klassiker im Deutschunterricht ist beinahe schon selbst „klassisch“ und wurde in den letzten Jahrzehnten wiederholt geführt. Das Ergebnis dieser Debatten sind keine verbindlichen Entscheidungen, sondern zumeist dieselben Konstellationen von Pro- und Contra-Standpunkten. Richtig ist, dass die Klassiker des literarischen Kanons nach wie vor ihren festen Platz im Deutschunterricht haben. Dass viele Lehrerinnen und Lehrer auf die Klassiker setzen, hat aber sicherlich nicht etwas mit fehlendem Mut oder mangelnder Vorbereitungsbereitschaft zu tun. Wenn Sie sich die Abiturthemen vieler Bundesländer anschauen, dann werden Sie sehen, dass „Klassikerkompetenz“ bildungspolitisch erwünscht ist, auch wenn die Lehrpläne in den letzten Jahren von konkreten Autoren und Werken teilweise entschlackt wurden. Interessant ist aber, dass auch die Jugendliteratur von der Klassikerkontroverse betroffen ist. Ein Beispiel: Viele Lehrerinnen und Lehrer stöhnen auf, wenn sie vor dem verschlissenen Klassensatz von Morton Rhues Roman „Die Welle“ stehen, der sich in den letzten 30 Jahren zum Lektüreklassiker entwickelt hat. Und in eben diesem Moment, da man die Patina dieses „Klassikers“ beklagt, holt die Realität die Literatur ein. Dann eignet sich der Roman wieder bestens, um die Schüler an die Frage heranzuführen, wie sich in einer Demokratie Gruppen bilden können, die andere Menschen radikal ausgrenzen und verfolgen. Statt die Klassiker also einfach gegen aktuelle Texte auszutauschen, sollte Deutschunterricht zeigen, wie historische Texte helfen können, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Dafür muss man sich freilich der historischen und sprachlichen Fremd- heit der Klassiker erst einmal stellen. Die Jugendliteratur kann hierbei eine wichtige Brücke bauen. Warum also lesen wir nicht einmal Auszüge aus Schillers „Kabale und Liebe“ und einen aktuellen Jugendroman im Zusammenhang? Soziale Unterschiede, Geschlechterrollen, Machtmissbrauch, Tugendvorstellungen, verbotene Liebe – all das sind Themen, von denen so- wohl Schillers Trauerspiel als auch vie- le Texte der Jugendliteratur erzählen. Wenn es gelingt, Texte aus unterschiedlichen Zeiträumen miteinander in einen Dialog zu bringen und die Antworten zu vergleichen, die z.B. ein Trauerspiel des 18. Jahrhunderts und ein Jugendroman aus dem Jahr 2018 auf bedeutsame Fragen geben, ist für das literarische Lernen schon viel gewonnen.

Mit Ihrem Buch „Erzählende Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht“ geht es genau darum, um die Vermittlung von Handlungswissen. Geben Sie ein paar Tipps, werben Sie für das Lesen und Erarbeiten von aktueller Jugendliteratur in den Schulen!
Jan Standke: Aktuelle Jugendliteratur ist thematisch und formal sehr facettenreich und in jeder Hinsicht „dicht dran“ an der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern. Neue Entwicklungen, Themen und Trends, nicht zuletzt Veränderungen der Sprache selbst, werden in der Jugendliteratur rasch aufgegriffen. Jugendliteratur zeichnet sich somit in der Regel durch eine hohe Zugänglichkeit aus. Gerade im Bereich der Leseförderung und -motivation kommt ihr deshalb eine besondere Rolle zu. Besonders Schüler, die wenig Interesse am Lesen haben oder Defi- zite in der Lesekompetenz aufweisen, können durch ausgewählte KJL gefördert werden. Didaktisch interessant an aktueller Jugendliteratur ist weiterhin, dass sie oft in einem größeren Medienverbund erscheint. Zu vielen neuen Texten gibt es Hörbücher oder Hörspiele, Verfilmungen, Websites oder digitale Spiele. Für den Literaturunterricht ergeben sich da ganz unterschiedliche Ansatzpunkte für vielfältige Aufgaben und Arbeitsformen. Außerdem haben sich um die Jugendliteratur herum spannende neue Kommunikationsformate entwickelt, die in den Unterricht einbezogen werden können. Man denke nur an Social Reading, Fanfiction usw. Besonders reizvoll finde ich Buchtrailer, die z.B. auf YouTube abrufbar sind. Dabei handelt es sich um kleine Werbefilme, vergleichbar den Trailern aus Kino und TV. Anders als beim Film kann der Buchtrailer aber nicht auf bereits fertiges Bildmaterial zurückgreifen, sondern muss den Text in eine ei- gene Bildsprache übersetzen. Vor allem für den Bereich der KJL gibt es ein großes Angebot ästhetisch anspruchsvoller Trailer. Schüler können sich so über das Angebot neuer interessanter Texte informieren und Texte auswählen, die Trailer in die Lektüre von Texten ein- beziehen oder selbst Trailer erarbeiten und präsentieren.

Beim Lesen der diesjährig nominierten Bücher mussten wir unseren Kindern den einen oder anderen geschichtlichen und politischen Zusammenhang erklären. Im Zuge dessen haben wir begeistert die Idee eines fächerübergreifenden Lesens von Büchern in der Schule, Deutsch und Geschichte, Deutsch und Politik diskutiert. Gibt es solche Ansätze, gerade auch für ein interessanteres Lesen und Lernen, lernen durch Literatur?

Jan Standke: Das fächerübergreifende Lernen ist vielerorts gängige unterrichtliche Praxis, gleichwohl es außerhalb von Projektwochen selten als „echter“ Dialog verschiedener Fächer umgesetzt wird. Für das Verstehen vieler aktueller Jugendbücher – da haben Sie recht – ist historisches und politisches Kontextwissen erforderlich. Ein Beispiel aus dem Spektrum der aktuellen Nominierungen ist etwa Johannes Herwigs Roman „Bis die Sterne zittern“, der sich Jugendgruppen in Leipzig zur Zeit des Nationalsozialismus widmet. Hier kann Literatur mit ihren Mitteln Geschichte lebendig machen. Und dennoch bin ich dafür, Literatur- und anderen Fachunterricht nicht grundsätzlich ineinander aufgehen zu lassen. Denn wenn Literatur im Unterricht nur noch Anlass ist, um über historische oder politische Kontexte und Hintergründe zu sprechen, kann ihr ästhetischer Zauber rasch verloren gehen.

Was wünschen Sie sich für das Jugendbuch und Ihre Arbeit als Mitglied in der Kritikerjury, der Sie seit 2017 angehören und deren Vorsitz Sie 2019 übernehmen?

Jan Standke: Ich glaube, um die Kinder- und Jugendliteratur muss man sich nicht allzu sehr sorgen. Immer wieder bin ich vom Facettenreichtum und der Originalität der zahlreichen Neuerscheinungen fasziniert. Die Jurymitglieder arbeiten sich durch wahre Bücherberge, wälzen Kataloge und durchforsten Ankündigungen, Rezensionen und Kommentare im Internet. Stets werden Augen und Ohren offengehalten auf der Suche nach dem bislang übersehenen literarischen Juwel. Das ist eine anstrengende, aber auch sehr beglückende Aufgabe und ich bin stolz, an dieser wichtigen Auswahlarbeit mit wunderbaren Kolleginnen mitwirken zu dürfen. Mit der Übernahme des Vorsitzes der Jury wird sich der Blick auf die aktuelle KJL noch einmal weiten, darauf freue ich mich sehr. Von der amtierenden Vor- sitzenden, Birgit Müller-Bardorff, die einen ganz tollen Job macht, konnte ich mir glücklicherweise schon einiges abschauen. Für das Preisjahr 2019 wünsche ich mir, dass es uns gelingt, hervorragende Bücher zu finden, Autoren zu fördern und viele Menschen für die Kinder- und Jugendliteratur zu begeistern.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER.

Professor Dr. Jan Stan ke hat as Gymnasiallehramt für die Fächer Deutsch und Sport studiert, das Referendariat absolviert und zu einem literaturwissenschatlichen Thema promoviert. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik der deutschen Literatur“ an der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Kinder- und Jugendliteratur, das literarische Lernen im Deutschunterricht und die Gegenwartsliteratur. Jan Standke ist u.a. Herausgeber der Zeitschrift "Literatur im Unterricht". Texte der Gegenwartsliteratur für die Schule un des Handbuchs Erzählende Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht“.


INTERVIEW
mit Birgit Müller-Bardor 
Vorsitzende der Kritikerjury 2017/2018 

Birgit Müller-Bardorff: © AKJ/José Poblete

Wer entscheidet, wer (wel- ches) das beste Jugend- buch 2017 wird?
Das beste Jugendbuch gibt es gleich zweimal, denn darüber entscheiden zwei Jurys, die unabhängig voneinander be- raten: die Kritikerjury und die Jugendjury, die sich aus sechs Leseclubs in ganz Deutsch- land zusammensetzt. Mit Einführung einer Jugendjury im Jahre 2003 wollte man die eigentliche Zielgruppe der Bücher in die Entscheidung einbinden. Interessant ist, dass es immer wieder Dop- pelnominierungen gab, wie in diesem Jahr „Eins“ von Sa- rah Crossan und „Vierzehn“ von Tamara Bach. Wer weiß, vielleicht erleben wir es dieses Jahr zum ersten Mal, dass ein Jugendbuch von bei- den Jurys prämiert wird.

Welche Hürden muss ein Buch nach seinem Erschei- nen nehmen, bis es mit dem Deutschen Jugendli- teraturpreis ausgezeich- net wird? Zum Beispiel das Buch „Das Mädchen Wadjda“ (cbt) von Hayfa Al Mansour, das 2016 in der Kategorie Kinderbuch gewonnen hat?
Die größte Hürde ist be- stimmt die, aus den rund 600 von den Verlagen einge- reichten Titeln herauszuste- chen. Aus denen wählen die Juroren der vier Sparten näm- lich jeweils eine Liste mit rund 20 Vorschlägen aus. In der ersten Jurysitzung legen wir uns auf etwa zehn bis 12 Bücher fest. Sechs von diesen Titeln schaffen es auf die No- minierungsliste. Kurz vor der Preisverleihung entscheiden wir dann über die vier Preis- bücher. Natürlich ist jede dieser Etappen von lebhaften Diskussionen begleitet. Bei „Das Mädchen Wadjda“ im Speziellen standen wir vor der Frage, welche spezi sch literarischen Qualitäten das Buch hat, denn zunächst war es ja ein Filmstoff. 

Was sind die Kriterien nach denen Sie beurteilen und schlussendlich jurieren?
Wir orientieren uns dabei an der Zielsetzung des Deut- schen Jugendliteraturpreises, nämlich die Leseförderung zu unterstützen, Orientierung für gute Lektüre zu geben und Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit relevanten Themen anzuregen. Gerade mit der Nominie- rungsliste möchten wir auch eine gewisse Bandbreite zei- gen, die es in der Kinder- und Jugendliteratur gibt. Ganz konkret bewerten wir die Bü- cher nach ihrer Erzählweise, nach der Sprache und der Thematik.

Was macht ein gutes Kin- der- und Jugendbuch mit Ihnen?
Im besten Falle das, was auch ein gutes Erwachse- nenbuch bewirkt: Es lässt es mich nicht mehr los – beim Lesen nicht und auch danach nicht mehr. 

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER. 

BIRGIT MÜLLER-BARDORFF
Birgit Müller-Bardor ist Vorsitzende der Kritikerjury zum Deutschen Jugendlitera- turpreis. Sie studierte Neuere Deutsche Literatur, Theater- und Politikwissenschaft und ar- beitet als Kulturredakteurin bei der Augsburger Allgemeinen. 

 

SPARTE KINDERBUCH
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Megumi Iwasa (Text)
Jörg Mühle (Ill.),
Viele Grüße, Deine Giraffe
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Moritz Verlag
ISBN 978-3-89565-337-7
10,95 € (D), 11,30 € (A)
Ab 6

Silke Schlichtmann (Text)
Ulrike Möltgen (Ill.)
Bluma und das Gummischlangengeheimnis
Carl Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25701-6
12,00 € (D), 12,40 € (A)
Ab 8

Luc Blanvillain
Tagebuch eines Möchtegern-Versagers
Aus dem Französischen von Maren Illinger
Fischer KJB
ISBN 978-3-7373-4085-4
12,99 € (D), 13,40 € (A)
Ab 10

Wieland Freund
Krakonos
Beltz & Gelberg
ISBN 978-3-407-82322-9
14,95 € (D), 15,40 € (A)
Ab 10

Davide Morosinotto (Text)
Stefano Moro (Grafik)
Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Thienemann Verlag
ISBN 978-3-522-18455-7
14,99 € (D), 15,50 € (A)
Ab 11

Iain Lawrence
Der Riesentöter
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-2757-9
19,00 € (D), 19,60 € (A)
Ab 12

SPARTE BILDERBUCH
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Dorothée de Monfreid
Schläfst du?
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Reprodukt
ISBN 978-3-95640-138-1
14,00 € (D), 14,40 € (A)
Ab 2

Carson Ellis
Wazn Teez?
Aus dem Englischen von Jess Jochimsen und Anja Schöne                       
NordSüd Verlag
ISBN 978-3-314-10386-5
16,00 € (D), 16,50 € (A)
Ab 4

Michaël Escoffier (Text)
Kris Di Giacomo (Ill.)
Grododo
Aus dem Französischen von Anna Taube
Carlsen Verlag
ISBN 978-3-551-51509-4
14,99 € (D), 15,50 € (A)
Ab 4

Sebastian Meschenmoser
Die verflixten sieben Geißlein
Thienemann Verlag
ISBN 978-3-522-45857-3
12,99 € (D), 13,40 € (A)
Ab 5

 

Matthew Olshan (Text)
Sophie Blackall (Ill.)
Ballonfahrt mit Hund
Die (fast) wahre Geschichte der ersten internationalen Luftfahrt im Jahr 1785
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5979-7
14,95 € (D), 15,40 € (A)
Ab 7

 

Øyvind Torseter
Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5900-1
26,00 € (D), 26,80 € (A)
Ab 9

SONDERPREIS ÜBERSETZUNG NEUE TALENTE
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Mina Arnoldi
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Koreanischen von
Das Fahrrad. Vom Hochrad bis zum E-Bike
Von Haseop Jeong
Illustriert von Seungyeon Cho
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5871-4
€ 14,95 (D), € 15,40 (A)
Ab 10

 

Lisa Engels
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Englischen von
Böse Jungs. Band 1
Von Aaron Blabey
Baumhaus Verlag
ISBN 978-3-8339-0423-3
10,00 € (D), 10,30 € (A)
Ab 6

Gesa Kunter
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Schwedischen von
Schreib! Schreib! Schreib! Die kreative Textwerkstatt
Von Katarina Kuick und Ylva Karlsson
Illustriert von Sara Lundberg
Beltz & Gelberg
ISBN 978-3-407-82124-9
€ 14,95 (D), € 15,40 (A)
Ab 14

Unsere Sonderausgabe zu 60. Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis finden Sie hier