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Vergangenheit trifft Zukunft

Die Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 setzen auf die Kraft der Erinnerung und stellen philosophische Fragen nach dem, was uns in der Zukunft erwartet.

Auf der Leipziger Buchmesse wurden am 15. März 2018 die Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 bekannt gegeben. 32 Titel haben es auf die Liste geschafft und versprechen Leseabenteuer quer durch alle Zeiten.

Die Kritikerjury hat 24 Bücher nominiert, jeweils sechs in den Sparten Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch. Mal erzählen sie federleicht mit viel Humor oder spielen mit bekannten Figuren aus der Märchenwelt. Mal setzen sie auf die Kraft der Erinnerung oder entwerfen dystopische Zukunftsvisionen, die aufgrund des technologischen Fortschritts und künstlicher Intelligenz nicht mehr unmöglich erscheinen, und regen zum kritischen Nachdenken an. Bemerkenswert ist auch die Bandbreite der Illustrationsstile, die zum Entdecken der Bücher einlädt und das qualitative Zusammenspiel von Text und Bild aufzeigt.

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Die sechs Leseclubs der bundesweiten Jugendjury haben sich durch rund 250 Jugendbücher gearbeitet. Ihre Favoriten beschäftigen sich alle auf die eine oder andere Weise mit den Themen Mut und Zivilcourage und verbinden ein spannendes Leseerlebnis mit der Frage: „Wie würde ich in dieser Situation handeln?“ Sei es, indem sie in der Geschichte zurückgehen und an den Wiederstand zu Zeiten des Nationalsozialismus erinnern oder jüngste Beispiele aus der US-amerikanischen Geschichte zum Thema Rassismus behandeln. Mit Angie Thomasʼ The Hate U Give (cbt) liegt eine Überschneidung mit den Nominierungen der Kritikerjury vor.

Die Sonderpreise werden in diesem Jahr im Bereich Übersetzung vergeben. Mit dem Sonderpreis „Neue Talente“ soll auf die Leistungen deutscher Übersetzer*innen, die sich noch keine feste Marktposition erarbeitet haben, aufmerksam gemacht werden. Hierfür hat die Sonderpreisjury Werke geprüft, die in den letzten zwei Jahren erschienen sind, und drei deutsche Übersetzerinnen nominiert. 

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Mina Arnoldi qualifizierte sich durch die anspruchsvolle Fachübersetzung eines koreanischen Fahrradsachbuches. Lisa Engels meisterte die Herausforderungen der genre- und charaktertypischen direkten Rede, die beim Comic zum Einsatz kommt. Gesa Kunter traf beim Übersetzen einer kreativen Textwerkstatt die kluge Entscheidung, schwedische Gedichte durch adäquate deutsche Beispiele zu ersetzen und Originaltöne dort beizubehalten, wo es für den deutschen Leser verständlich ist.

Unter allen Nominierungen finden sich zwölf deutschsprachige Originalausgaben und zwanzig Übersetzungen aus anderen Sprachräumen wie dem Englischen, dem Französischen, dem Italienischen, aber auch aus Russland, Skandinavien, Japan oder Korea sind Werke dabei. Die Jurys trafen ihre Auswahl aus 580 eingereichten Büchern, davon waren 55% deutschsprachige Originalausgaben und 45% Übersetzungen.

© AKJ/Matthias Knoch

Insgesamt ist der Deutsche Jugendliteraturpreis mit 72.000 Euro dotiert; die Preisträger werden am 12. Oktober 2018 auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Stifter ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ausrichter der Arbeitskreis für Jugendliteratur. Alle Juroren sind ehrenamtlich tätig.

Schon seit 1956 zeichnet der Staatspreis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus. Er will die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche mit einem breiten Literaturangebot in ihrer Persönlichkeit zu stärken und Orientierungshilfe auf einem schier unüberschaubaren Buchmarkt zu bieten. 

Die Nominierungsbegründungen der Jurys sowie Bildmaterial zum Download finden Sie auf der Homepage des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. unter www.jugendliteratur.org

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INTERVIEW
mit Birgit Müller-Bardor 
Vorsitzende der Kritikerjury 2017/2018 

Birgit Müller-Bardorff: © AKJ/José Poblete

Wer entscheidet, wer (wel- ches) das beste Jugend- buch 2017 wird?
Das beste Jugendbuch gibt es gleich zweimal, denn darüber entscheiden zwei Jurys, die unabhängig voneinander be- raten: die Kritikerjury und die Jugendjury, die sich aus sechs Leseclubs in ganz Deutsch- land zusammensetzt. Mit Einführung einer Jugendjury im Jahre 2003 wollte man die eigentliche Zielgruppe der Bücher in die Entscheidung einbinden. Interessant ist, dass es immer wieder Dop- pelnominierungen gab, wie in diesem Jahr „Eins“ von Sa- rah Crossan und „Vierzehn“ von Tamara Bach. Wer weiß, vielleicht erleben wir es dieses Jahr zum ersten Mal, dass ein Jugendbuch von bei- den Jurys prämiert wird.

Welche Hürden muss ein Buch nach seinem Erschei- nen nehmen, bis es mit dem Deutschen Jugendli- teraturpreis ausgezeich- net wird? Zum Beispiel das Buch „Das Mädchen Wadjda“ (cbt) von Hayfa Al Mansour, das 2016 in der Kategorie Kinderbuch gewonnen hat?
Die größte Hürde ist be- stimmt die, aus den rund 600 von den Verlagen einge- reichten Titeln herauszuste- chen. Aus denen wählen die Juroren der vier Sparten näm- lich jeweils eine Liste mit rund 20 Vorschlägen aus. In der ersten Jurysitzung legen wir uns auf etwa zehn bis 12 Bücher fest. Sechs von diesen Titeln schaffen es auf die No- minierungsliste. Kurz vor der Preisverleihung entscheiden wir dann über die vier Preis- bücher. Natürlich ist jede dieser Etappen von lebhaften Diskussionen begleitet. Bei „Das Mädchen Wadjda“ im Speziellen standen wir vor der Frage, welche spezi sch literarischen Qualitäten das Buch hat, denn zunächst war es ja ein Filmstoff. 

Was sind die Kriterien nach denen Sie beurteilen und schlussendlich jurieren?
Wir orientieren uns dabei an der Zielsetzung des Deut- schen Jugendliteraturpreises, nämlich die Leseförderung zu unterstützen, Orientierung für gute Lektüre zu geben und Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit relevanten Themen anzuregen. Gerade mit der Nominie- rungsliste möchten wir auch eine gewisse Bandbreite zei- gen, die es in der Kinder- und Jugendliteratur gibt. Ganz konkret bewerten wir die Bü- cher nach ihrer Erzählweise, nach der Sprache und der Thematik.

Was macht ein gutes Kin- der- und Jugendbuch mit Ihnen?
Im besten Falle das, was auch ein gutes Erwachse- nenbuch bewirkt: Es lässt es mich nicht mehr los – beim Lesen nicht und auch danach nicht mehr. 

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KAI GEIGER. 

BIRGIT MÜLLER-BARDORFF
Birgit Müller-Bardor ist Vorsitzende der Kritikerjury zum Deutschen Jugendlitera- turpreis. Sie studierte Neuere Deutsche Literatur, Theater- und Politikwissenschaft und ar- beitet als Kulturredakteurin bei der Augsburger Allgemeinen. 

 

SPARTE KINDERBUCH
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Megumi Iwasa (Text)
Jörg Mühle (Ill.),
Viele Grüße, Deine Giraffe
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Moritz Verlag
ISBN 978-3-89565-337-7
10,95 € (D), 11,30 € (A)
Ab 6

Silke Schlichtmann (Text)
Ulrike Möltgen (Ill.)
Bluma und das Gummischlangengeheimnis
Carl Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25701-6
12,00 € (D), 12,40 € (A)
Ab 8

Luc Blanvillain
Tagebuch eines Möchtegern-Versagers
Aus dem Französischen von Maren Illinger
Fischer KJB
ISBN 978-3-7373-4085-4
12,99 € (D), 13,40 € (A)
Ab 10

Wieland Freund
Krakonos
Beltz & Gelberg
ISBN 978-3-407-82322-9
14,95 € (D), 15,40 € (A)
Ab 10

Davide Morosinotto (Text)
Stefano Moro (Grafik)
Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Thienemann Verlag
ISBN 978-3-522-18455-7
14,99 € (D), 15,50 € (A)
Ab 11

Iain Lawrence
Der Riesentöter
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-2757-9
19,00 € (D), 19,60 € (A)
Ab 12

SPARTE BILDERBUCH
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Dorothée de Monfreid
Schläfst du?
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Reprodukt
ISBN 978-3-95640-138-1
14,00 € (D), 14,40 € (A)
Ab 2

Carson Ellis
Wazn Teez?
Aus dem Englischen von Jess Jochimsen und Anja Schöne                       
NordSüd Verlag
ISBN 978-3-314-10386-5
16,00 € (D), 16,50 € (A)
Ab 4

Michaël Escoffier (Text)
Kris Di Giacomo (Ill.)
Grododo
Aus dem Französischen von Anna Taube
Carlsen Verlag
ISBN 978-3-551-51509-4
14,99 € (D), 15,50 € (A)
Ab 4

Sebastian Meschenmoser
Die verflixten sieben Geißlein
Thienemann Verlag
ISBN 978-3-522-45857-3
12,99 € (D), 13,40 € (A)
Ab 5

 

Matthew Olshan (Text)
Sophie Blackall (Ill.)
Ballonfahrt mit Hund
Die (fast) wahre Geschichte der ersten internationalen Luftfahrt im Jahr 1785
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5979-7
14,95 € (D), 15,40 € (A)
Ab 7

 

Øyvind Torseter
Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5900-1
26,00 € (D), 26,80 € (A)
Ab 9

SONDERPREIS ÜBERSETZUNG NEUE TALENTE
Die Nominierungsbegründungen der Jurys finden Sie unter www.jugendliteratur.org

Mina Arnoldi
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Koreanischen von
Das Fahrrad. Vom Hochrad bis zum E-Bike
Von Haseop Jeong
Illustriert von Seungyeon Cho
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-5871-4
€ 14,95 (D), € 15,40 (A)
Ab 10

 

Lisa Engels
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Englischen von
Böse Jungs. Band 1
Von Aaron Blabey
Baumhaus Verlag
ISBN 978-3-8339-0423-3
10,00 € (D), 10,30 € (A)
Ab 6

Gesa Kunter
Nominiert für ihre Übersetzung aus dem Schwedischen von
Schreib! Schreib! Schreib! Die kreative Textwerkstatt
Von Katarina Kuick und Ylva Karlsson
Illustriert von Sara Lundberg
Beltz & Gelberg
ISBN 978-3-407-82124-9
€ 14,95 (D), € 15,40 (A)
Ab 14

Unsere Sonderausgabe zu 60. Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis finden Sie hier