Die Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises 2021

in der Kategorie Bilderbuch

Unsichtbar in der großen Stadt
Sydney Smith (Text),
Sydney Smith (Illustration),
Bernadette Ott (Übersetzung)

Aladin Verlag
ISBN: 978-3-8489-0176-0
18,00 € (D) , 18,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Preisträger 2021, Kategorie: Bilderbuch
Ab 4 Jahren

Jurybegründung

Ein Wintertag in der Großstadt, dichter Schneefall setzt ein: Schnell meint man, die nasse Kälte selbst zu spüren, die Abgase zu riechen, das Stimmengewirr und eilende Schritte zu hören. Hier ist ein Kind ganz allein unterwegs, warm angezogen, anscheinend zielstrebig. Es kennt sich aus im Gedränge und den Seitenstraßen. „Ich weiß, wie es ist, klein zu sein in der großen Stadt“, so lautet der erste Satz im überaus sparsamen Text. Im inneren Dialog mit einem „Du“, das zunächst rätselhaft bleibt, geht das Kind einer Aufgabe nach, die sich erst nach und nach erschließt, bis es am Ende das sichere Zuhause erreicht.

Sydney Smith hat ein Meisterwerk der Bilderbuchkunst geschaffen, zum ersten Mal als Autor und Illustrator. Virtuos nutzt er eine Fülle an Gestaltungsmöglichkeiten. Kaleidoskopartig spiegeln die Bildformate die vielen Eindrücke. Pinselstrich und pointiert eingesetzte Farbigkeit inmitten von Weiß, Schwarz und Grauschattierungen schaffen eine Atmosphäre, die man mit allen Sinnen wahrzunehmen scheint. Manche Andeutung versteht man erst Seiten später, blättert zurück, wird zum wiederholten Anschauen angeregt. Ein ermutigendes Bilderbuch – es zeigt auf künstlerisch beeindruckendem Niveau, dass Kinder auch in schwierigen Situationen selbständig und zuversichtlich denken und handeln können.

in der Kategorie Kinderbuch

Irgendwo ist immer Süden
Marianne Kaurin (Text),
Franziska Hüther (Übersetzung)

Woow Books
ISBN: 978-3-96177-050-2
15,00 € (D) , 15,50 € (A)
Originalsprache: Norwegisch
Preisträger 2021, Kategorie: Kinderbuch
Ab 10 Jahren

Jurybegründung

In den Sommerferien in der eigenen Wohnung gefangen – so fühlt sich die Ich-Erzählerin Ina, die mit ihrer arbeitslosen Mutter in einer Sozialsiedlung lebt. Als ihre Mitschüler am letzten Schultag stolz erzählen, welche großartigen Reiseziele sie in den Ferien ansteuern werden, erfindet Ina, dass sie ebenso in den Süden reist, obwohl sich ihre Mutter keinen Urlaub leisten kann. Um mit ihrer Notlüge nicht aufzufliegen, sperrt sich Ina bei größter Hitze in ihrer Wohnung ein. Vilmer, der neue Mitschüler, kann sie schließlich aus dem Schlamassel befreien. Zusammen entwickeln sie eine äußerst kreative Idee, um sich ihren eigenen „Süden“ vor die Haustür zu zaubern.

Marianne Kaurin legt einen vielschichtigen Kinderroman vor, der mehrere ineinander verwobene Erzählstränge aufweist. Eindrucksvoll wird das kindliche Spiel als autonomer Zwischenraum inszeniert, in dem die Kinder aktiv handelnd sich weiterentwickeln können und für die Realität gestärkt werden. Das Figurenensemble ist stimmig konzipiert, auch die Erwachsenen Randfiguren überzeugen in der fein austarierten Darstellung. Souverän gelingt es Franziska Hüther, die sensible Sprache der Autorin treffend zu übersetzen und den doppelbödigen Humor wirkungsvoll zu platzieren.

 

Sibiro Haiku

Jurga Vilė (Text),
Lina Itagaki (Illustration),
Saskia Drude (Übersetzung)

Baobab Books
ISBN: 978-3-907277-03-425,00
€ (D) , 25,70 € (A)
Originalsprache: Litauisch
Preisträger 2021, Kategorie: Jugendbuch
Ab 13 Jahren

Jurybegründung

Sowjetische Truppen verschleppen 1941 ganze Familien aus Litauen in ein Lager in Sibirien. Jeder Tag wird im bitterkalten Winter zum Kampf auf Leben und Tod. Aus der Perspektive des jungen Algis wird das Leiden der Deportierten geschildert, aber auch ihr Miteinander, das von Solidarität und unbedingtem Lebenswillen geprägt ist. Eine herausragende Rolle spielt dabei die Kultur: Gemeinsames Singen und vor allem die Texte aus einem Haiku-Band, den Algis’ Tante ins Lager mitgenommen hat, stärken die Gefangenen, werden zum wirksamen (Über-)Lebensmittel.

Jurga Vilė erzählt dies in stiller und eindringlicher Sprache, die in der Übersetzung von Saskia Drude grandios funktioniert. Lina Itagaki kombiniert den Text mit einem überraschenden und variationsreichen Bildprogramm. Vilė und Itagaki entwickeln auf diese Weise das Medium Graphic Novel inhaltlich wie formal weiter, spielen kunstvoll mit all seinen Möglichkeiten: Seite für Seite finden sich kluge Bild-Text-Verknüpfungen voller Atmosphäre, voller Details, voller Poesie. Sibiro Haiku ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk, das ein bewegendes Kapitel europäischer Vergangenheit dem Vergessen entreißt und Erinnerungen stiftet. Eine Graphic Novel, die ergreift, ermutigt und beeindruckt.

 

in der Kategorie Preis der Jugendjury

After the Fire
Will Hill (Text),
Wolfram Ströle (Übersetzung)

dtv Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-65032-8
15,95 € (D) , 16,40 € (A)
Originalsprache: Englisch
Preisträger 2021, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

Eine Sekte. Ein Feuer. Das Leben danach. – Moonbeam wächst, von der Außenwelt abgeschottet, in der Basis der Legion Gottes auf. Nach deren gewaltsamer Erstürmung durch die Bundesbehörden und einem verheerenden Brand, werden Moonbeam und die anderen überlebenden Kinder und Jugendlichen in der Psychiatrie untergebracht, von Therapeuten betreut und vom FBI befragt. Moonbeam öffnet sich langsam und erzählt von ihrem Leben in der Sekte, an dem sie schon länger zweifelte. Der Weg in die Welt „Draußen“ ist schwer. Geheimnisse, die sie unter keinen Umständen preisgeben möchte, quälen sie. Immer wieder werden Moonbeams Gedanken in die Erzählung verwoben und Andeutungen gemacht, die langsam ein Gesamtbild entstehen lassen.

Will Hill rückt ein wenig beachtetes, unkonventionelles Thema in den Mittelpunkt. Mitreißend wird auf zwei Zeitebenen erzählt, wie Moonbeam die traumatisierenden Ereignisse zunächst erlebte und wie sie diese später verarbeitet. Die realistische Darstellung wirkt dabei niemals verharmlosend. Moonbeam ist eine sehr gut durchdachte Figur, man kann ihr Handeln, ihre Gedanken, Ängste und Zweifel gut nachvollziehen und es lässt sich eine klare Persönlichkeitsentwicklung erkennen.

in der Kategorie Sachbuch

100 Kinder
Christoph Drösser (Text),
Nora Coenenberg (Illustration)

Gabriel
ISBN: 978-3-522-30537-2
14,00 € (D) , 14,40 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Preisträger 2021, Kategorie: Sachbuch
Ab 9 Jahren

Jurybegründung

Was heißt es, heute Kind zu sein? Wie gestaltet sich Kindheit hier und anderswo? Wie sehen Lebensumstände und Alltag der Kinder rund um den Erdball aus? Mit 100 Kinder stellen Christoph Drösser und Nora Coenenberg diese Fragen und beantworten sie auf ebenso neuartige wie eindrucksvolle Weise – durch ein Gedankenexperiment, das Statistik sichtbar macht und einlädt zu einem Blick über den eigenen Tellerrand.

Stellvertretend für die rund zwei Milliarden Kinderleben weltweit stehen hier die titelgebenden 100 Kinder: 52 Jungen und 48 Mädchen. Von ihnen leben nur sechs in Europa, vier in Nordamerika, acht in Südamerika, ein einziges in Australien, aber 25 in Afrika und 56 in Asien. Ausgehend von dieser Standortbestimmung entwirft das Buch in einer klug abgestimmten Kombination aus Texten, Illustrationen und Infografiken ein umfangreiches Tableau an gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Aspekten, zeigt Diversität, benennt Unterschiede und Gemeinsamkeiten, spricht Probleme und Ungerechtigkeiten an, weiß Erstaunliches und Kurioses zu berichten. Sachlich, unaufgeregt und verständlich regt es zum Nachdenken an, lässt staunen und macht neugierig auf die Welt und ihre Kinder.

 

© AKJ / David Böhm

DEUTSCHER JUGENDLITERATURPREIS 2021

Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis werden jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Dadurch sollen Kinder und Jugendliche zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur angeregt werden.

Zugleich soll die Öffentlichkeit, insbesondere Eltern und alle Vermittler- innen und Vermittler, auf wichtige Neuerscheinungen der Literatur für Kinder und Jugendliche hingewiesen werden.

Lesefähigkeit ist eine elementare Voraussetzung, um den heutigen und zukünftigen Anforderungen
der Gesellschaft gerecht zu werden. Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll deshalb auf die Bedeutung der Literatur innerhalb des vielfältigen Medienangebotes für Kinder und Jugendliche aufmerksam machen.

PREISVERLEIHUNG IM LIVESTREAM

Am Freitag, dem 22. Oktober 2021, um 17.30 Uhr richtet sich das Spotlight auf die diesjährigen Gewinnerinnen und Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises. Die Vergabe wird live von der Frankfurter Buchmesse gestreamt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, die Preisverleihung online zu verfolgen. Dies ist hier sowie über die Facebookseite des Bundesjugendministeriums und die Webseite der Frankfurter Buchmesse möglich. Der Livestream ist barrierefrei zugänglich und startet mit Beginn der Preisverleihung automatisch. Neben der deutschen Version steht auch eine Simultanübersetzung ins Englische zur Verfügung.

Das Video wird auch im Anschluss an die Veranstaltung abrufbar sein.

Naturkindergarten im Wörterwald Heidelberg

Traditionsreich und idyllisch: das Gelände der Marienhütte war und ist für viele Heidelberger Kinderherzen ein Sehnsuchtsort. Anfang Mai öffnete dort der Wörterwald seine Türen. Dieser neu entstandene Kindergarten arbeitet naturpädagogisch, d.h. der überwiegende Teil der Betreuungszeit findet im Freien statt. Sehen, Lauschen, Riechen, Säen, Hegen, Ernten und Schmecken prägen den Tag. Wandern und Verweilen, Hüpfen, Balancieren und Klettern natürlich auch. Das weitläufige Gelände rund um die Marienhütte und der angrenzende Wald bieten Kindern vielfältige Möglichkeiten, sich zu entfalten. Der kindliche Forschergeist und die kindliche Neugier werden im Mittelpunkt eines bewussten Erlebens der Natur im Jahreslauf stehen.

Die Gründerinnen und leidenschaftlichen Erzieherinnen Dorothea Pottel, Regine Oschmann und Nele Schäfer arbeiten seit vielen Jahren mit  3- bis 6-jährigen Kindern und haben ihr Herz in die Hand genommen, um nun im Wörterwald ihre eigenen Ideen, Konzepte und Leidenschaften umzusetzen. Natur und Bewegungsentwicklung stehen für die erfahrenen Pädagoginnen an erster Stelle, doch verbindet sie auch die Liebe zur Kinder- und Jugendliteratur sowie die Freude am Vorlesen und Erzählen. Mit dem Buch im Gepäck und dem Stift in der Hand wird mitten im Draußen der Wald zum Sehnsuchtsort, zum Wörterwald.

Mit dem Wörterwald und einem Kindergarten mit Schwerpunkt Literatur ist auf Privatinitiative ein weiteres Angebot im Portfolio der UNESCO City of Literature, entstanden. Heidelberg trägt den Titel seit 2014.

www.woerterwald-kindergarten.de