Joo Kraus © Rob Stirner

INTERVIEW
Wir sprachen mit Joo Kraus

Was war Ihre erste Berührung mit lateinamerikanischer Musik?

Ich denk mal, das war mit meiner ersten Latin Band, als ich so 15 Jahre alt war. Wir spielten eigenes Zeug, aber auch Sachen von Pat Metheny, Lee Ritenour. Und der Schlagzeuger war ein Latin-Freak: Er lieh mir Platten von Ellis Regina, Jobim, Egberto Gismonti, solche Sachen ... Ihm habe ich da viel Einflüsse zu verdanken. Ich habe ihm dann auch seine Congas abgekauft und ein paar Percussions und geübt wie ein Wilder. Seitdem habe ich immer Congas gehabt und auch immer gespielt.

In den vergangenen Jahren hatte ich immer sehr, sehr viele Konzerte und Projekte mit Musikern aus Kuba und Brasilien. Allein schon durch das Musizieren mit denen ist so viel Vibe und Rhythmus in mich reingeflossen, das hat einen enormen Einfluss auf mich gehabt. Wenn du neben Anga Diaz, Julio Baretto, Omar oder solchen Kalibern stehst, da geht ein enormer „Download“ auf meine musikalische Seelen-Festplatte.

Was fasziniert Sie an der lateinamerikanischen Musik?

Ich kanns nicht genau sagen; es hat mich sofort gepackt! Brasilianische Musik genauso wie kubanische. Natürlich die Rhythmik, der Groove. Die unfassbar schöne Harmonik bei brasilianischen Sachen. Vor allem aber der Vive und die Energie, die diese Musik drin hat: Man fühlt sich nach ein paar Takten wie ein anderer Mensch.

Sie sind beim diesjährigen CLASSICAL BEAT Festival mit zwei Programmen vertreten und decken die ganze Bandbreite und Vielfalt der lateinamerikanischen Musik ab. Am 27. Juli treten Sie zusammen mit dem kubanischen Ausnahme- musiker Omar Sosa und dem CLASSICAL BEAT Orchester auf. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Omar Sosa, mit dem Sie seit vielen Jahren in verschiedenen Besetzungen spielen?

Omar hatte vor vielen Jahren mein erstes Soloalbum gehört und wollte mit mir spielen. Wir haben uns zu einem Gig im Züricher Moods Club getroffen und ich habe mitgespielt, natürlich ohne Probe, Omar-Style! Und das wars, seitdem spiele ich mit Omar in den verschiedensten Besetzungen rund um den Globus.

Was macht Sosa & Kraus aus?

Das ist natürlich ein Spezialfall: Wir schrauben beide mit Elektrozeug rum, spacen durch die Welt der Töne und bringen jeder seine Energie und Biographie mit: Ich habe klassisch studiert, Omar auch. Mich hat der Funk und Hiphop gepackt, Omar ist Weltmusiker ... Und ganz wichtig: Jeder Tag und jedes Konzert sind anders! Mit Omar steigt man nie zweimal in denselben Fluss. Das habe ich tatsächlich bei ihm gelernt: Geh auf die Bühne und vertraue, dass die richtige Melodie, die Inspiration kommen wird.

Das CLASSICAL BEAT Festival steht für Innovation und spezielle Produktionen. Was erwartet das Publikum bei „Cubana Classica“ und im Zusammenspiel mit einem Orchester, was eher ungewöhnlich für das Duo Sosa und Kraus ist?

Dieses Konzert wird auch eine Art Uraufführung sein: Die Arrangements für dieses Programm schreibe ich gerade, die Besetzung wird außergewöhnlich: Gustavo Ovalles aus Venezuela an den Percussions wird mit dabei sein, er ist der virtuoseste Maracas-Spieler, den ich kenne! Außerdem wird er seine Quitipla spielen, eigenartige Bambus-Groove-Rohre.

Wir spielen Originalmaterial von Omar und mir in einer viel größeren Sounddimension, eben mit dem CLASSICAL BEAT Orchester. Sicher ein Abend für ganz großes Kopf- und Seelenkino!

Am 28. Juli schlagen Sie dann „leisere“ Töne an. In der „Serenata Brasileira“ treten Sie zusammen mit Jaques und Paula Morelenbaum und ihrem langjährigen musikalischen Partner Ralf Schmid auf. Mit Ralf Schmid und Paula Morelenbaum sind Sie das „Bossarenova Trio“. Wie haben Sie Paula Morelenbaum kennengelernt und welche Rolle spielte dabei die SWR Big Band?

Paula habe ich auf der legendären CD „CASA“ zum ersten Mal gehört und war sofort voller Gänsehaut! Ralf ging es genauso und er hat dann Paula für ein SWR-Big-Band-Projekt angefragt. Daraus wurde dann ein Album mit Latin-Grammy-Nominierung, dann zwei Trio-Alben und jetzt, auch eigens für das CLASSICAL BEAT Festival, der Abend mit Orchester.

Ralf Schmid uns Sie wandeln zwischen Pop, Jazz und Klassik und experimentieren seit einigen Jahren mit elektronischen Beats und Technik-Tools. Wie fließt das in die Musik des Bossarenova Trios und bei Ihren Auftritten beim CLASSICAL BEAT Festival ein?

Es fließt alles nach Travemünde: Das ist natürlich genau der Platz, wo wir alles ohne Grenzen und Kompromisse ausspielen können.Zwei verschiedene Programme, unterschiedliche Besetzungen mit einer kurzen Vorbereitung und Probenzeit mit jungen, speziell für das Festival zusammengefundenen Musiker:innen

Wie bereiten Sie und Ralf Schmid, da Sie beide ja die meisten Kompositionen und Arrangements geschrieben haben, sich und die jungen Musikerinnen darauf vor?

Na, ich hoffe mal, die Jungs und Mädels üben unsere Arrangements! Ich selbst übe mein ganzes Leben lang alles mehr oder weniger und wenn ich im Spielen und in der Musik bin, dann fühl ich mich eigentlich immer auf alles vorbereitet. Ich versuche, meine Kanäle zu öffnen und die Musik bei den Proben in mir aufzunehmen. Dann wird es zwei magische Abende für die Gäste geben.

Sie sind „Stammgast“ in Travemünde. Was ist CLASSICAL BEAT für Sie und wohin soll, muss, und kann sich das Festival aus Ihrer Sicht entwickeln?

CLASSICAL BEAT war vergangenes Jahr eine Art Spielwiese für Musik ohne Grenzen. Ich hoffe dieses Jahr noch einmal darauf: Das Festival der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn man so will. Da könnte ich jedes Jahr was Neues anfangen und ausprobieren. Allerdings ist aus meiner Sicht auch Vorsicht geboten, dass die Protagonisten sich genug abwechseln, sonst befruchten sich immer dieselben – und das entspricht vielleicht nicht dem Geist und Konzept dieses großartigen Musikfestivals!

Das Gespräch führte Kai Geiger.