Ilja Ruf

INTERVIEW
Wir sprachen mit Ilja Ruf

Herzliche Gratulation zum JazzBaltica-Preis 2022! Ein weiterer Preis in der beeindruckenden Liste an Aus- zeichnungen für einen 21-jährigen Musiker. Welchen Stellenwert hat dieser Preis, Preise grundsätzlich, für Sie?

Vielen Dank! Ich freue mich natürlich sehr. Ein Preis ist eine Wertschätzung und gerade für mich als junger Musiker ist es ein tolles Gefühl, mitgeteilt zu bekommen, dass ich vielleicht auf einem richtigen Weg für mich bin. Der IB.SH Jazz Award ist ganz besonders emotional, weil ich seit meinem elften Lebensjahr die JazzBaltica erleben durfte und mit der OGT Big Band dort in jedem Jahr gespielt habe. So habe ich auch Nils Landgren kennengelernt. Und dann findet das Festival, genauso wie CLASSICAL BEAT, in meiner Heimat statt – direkt am Strand, traumhaft.

Sie kommen aus einer durch und durch musikalischen Familie. Die Musik wurde Ihnen sozusagen in die Wiege gelegt. War es immer klar, dass Sie ihrem Vater und Bruder in die Musik folgen?

Ich habe mich irgendwie nie gefragt, was ich mal beruflich machen will. Es ist einfach so passiert, dass mich Musik berührt und begeistert und ich angefangen habe sie, quasi einem inneren „Ruf“ folgend, zu erforschen – und das tue ich immer noch. Ich glaube bei meinem Bruder ist es ähnlich gewesen. Es fühlt sich im Grunde nicht so an, als würde ich jemandem folgen, eher als würde ich diese musikalische Reise mit meiner Familie teilen können. Und dazu gehört natürlich auch meine Mutter, die mich immer unterstützt und vielleicht mein größter Fan ist.

Es war sicher nicht immer leicht, den „gemeinsamen Ton“ in einem musikalischen Haushalt zu finden. Wo haben Sie musikalisch aufbegehrt, sich abgenabelt und Ihr eigenes Ding gefunden?

Dass mein Bruder, mein Vater und ich alle drei Musik machen, wurde eigentlich nie zum Problem. Es ist ja so, dass wir alle unsere eigenen Sachen machen. Mein Bruder Ivo spielt im SWR-Sinfonieorchester Klarinette und spielt viel Kammermusik. Mein Vater dirigiert, spielt, unterrichtet und macht viele Projekte. Es war recht früh klar, dass Ivo und ich uns dann auf unterschiedliche Richtungen fokussieren. Aber das Tolle ist, dass wir, wenn wir zuhause sind, zusammen Musik machen können.

Gab es Komponist:innen, bei der die Familie immer wieder „zusammenfand“, „zusammenfindet“?

Wir haben viel Tango mit dem Bandoneon-Meister Raul Jaurena gespielt, Kompositionen von ihm, aber auch natürlich von Astor Piazzolla – das war sehr verbindend.

Ansonsten haben wir alle einen Gefallen an Mozart – vermutlich auch wegen seines Klarinettenkonzertes. Ein „Wieder- Zusammenfinden“ war in diesem Sinne also gar nicht notwendig. Jeder hat die Möglichkeit, sich musikalisch zu entfalten, seinen Raum zu füllen und kann dann quasi als i-Tüpfelchen noch gemeinsam mit der Familie Musik teilen und erleben. Mit meiner Mutter teile ich zum Beispiel die Begeisterung für Pink Floyd oder auch Elton John.

Was war die Alternative zur Musik, was hätte Ilja Ruf nach dem Abitur gemacht, wenn er nicht schon so ein erfolgreicher Musiker gewesen wäre?

Ich glaube, er hätte einfach weiter Musik gehört, geschrieben und geguckt, wo die Reise hingeht. Also genau das, was ich gerade mache. Es gibt eigentlich keine anderen Optionen für mich außer Musik ... – außer vielleicht die Malerei.

Ich habe Sie vergangenes Jahr beim CLASSICAL BEAT Festival mit Ihrem Solo-Piano-Programm und Ihrem damals gerade erschienenen Debut Album „Ilja_19“ gehört und  war von Ihrer Präsenz, Ihrem Spiel und Ihrem musikalischen Ausdruck beeindruckt. Und dies vor dem Konzert des großen Altmeister Richie Beirach. Wo sind Ihre musikalischen Wurzeln, was sind Ihre Inspirationsquellen für Ihre Musik?

Vielen Dank, wow! Meine Wurzeln liegen zu einem Teil in der klassischen Musik, ich hatte viele Jahre klassischen Klavier- und Klarinettenunterricht. Dann habe ich durch Oscar Peterson den Jazz für mich entdeckt – immer, wenn ich ihn spielen höre, bin ich sehr motiviert, mich ans Klavier zu setzen, zu üben und ihm nachzueifern.

Inspiration finde ich jedoch im Grunde immer in der Musik und in den Noten, aber auch in anderen Kunstformen, zum Beispiel in Filmen. Alles, was großartige Geschichten erzählt, dazu zählen natürlich ebenso Bücher, oder meine Freunde, inspiriert mich sehr und ich versuche auch ständig, offen für Inspiration und Ideen zu sein.

Ein Vorbild von Ihnen ist der großartige Jamie Cullum. Was ist es, was Ihnen Jamie Cullum und seine Musik mit auf den Weg gibt?

Jamie Cullum bewegt sich mit einer Leichtigkeit zwischen Jazz und Pop hin und her und schafft es bei seinen Shows, das Publikum alles außerhalb des Konzerts vergessen zu lassen. Er zieht die Leute in seinen Bann und hat Freude an dem, was er tut. Das spürt man auch. Ich glaube darum gehts: Spaß haben, abschalten, in die Musik eintauchen.

Wenn Sie sich entscheiden müssten: Klavier oder Klarinette?
Klavier

Solo oder Formation?
Formation

Festanstellung oder Selbständigkeit?
Selbstständigkeit

Jazz, Klassik, Pop oder Weltmusik?
Das ist für mich wirklich unmöglich zu beantworten: Es ist einfach die Musik!

Lübeck, Berlin, London oder New York?
Sehr schwer, ich glaube London, aber am liebsten LA.

Für die „Serenata Cubana“ am 26. Juli 2022 haben Sie ein Concertino für Klavier und Big Band komponiert. Aus welchen Bildern und Gedanken entsteht ein Stück über eine musikalische Reise von Lübeck nach Havanna?

Wenn ich „etwas Größeres“ komponiere, habe ich meistens eine Phase, in der ich Musik höre, die vielleicht als Vorbild und Inspirationsquelle für das Stück dienen könnte, das ich schreiben möchte. Partituren studieren, Übungen machen, Bücher über Komponieren, Musiktheorie oder manchmal auch nur Donald Duck lesen, das gehört genauso dazu. Und dann gehts ans Schreiben. Bei dem Concerto habe ich zusätzlich viel Darts gespielt, bin zum Meer spaziert, habe Spezi getrunken, Sport gemacht und unter anderem viel Stravinsky und Gershwin gehört. Aus diesen Erlebnissen ist dann die Geschichte entstanden, die in dem Stück er- zählt wird.

Was treibt Sie an, was sind Ihre Träume und Visionen, wo steht Ilja Ruf mit 30 Jahren?
Ich hoffe, er steht an der Ostsee in Scharbeutz und kann auf einzigartige Momente zurückblicken. Momente mit Musik aber auch Momente, in denen man das Menschsein genießt.

 
 
Das Gespräch führte Kai Geiger