INTERVIEW
Wir sprachen mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Stiftung Neue Musik-Impulse Schleswig-Holstein und Festival-Leiter Hans-Wilhelm Hagen, dem Leiter des Projektbüros Marc Tietz und Friedemann Bauknecht, künstlerischer Produktionsleiter des CLASSICAL BEAT Festivals.

 

Nach der pandemiebedingten Absage 2020 und einem immer noch pandemiebeeinflussten Festival 2021 scheinen für das 6. CLASSICAL BEAT Festival in diesem Jahr die Voraussetzungen perfekt?

Friedemann Bauknecht: Wie viele Veranstalter sind wir froh, dass wir einigermaßen gut durch die Pandemie gekommen sind. Dank großartiger Unterstützung und viel Zuspruch konnten wir das Festival 2021 gut über die Bühne bringen und mit Energie und Zuversicht das diesjährige Festivals planen. Vieles von dem war für ein noch junges Festival nicht selbstverständlich, wie auch die engagierte Arbeit und Leidenschaft unseres großartigen Teams, die uns durch die herausfordernde Zeit gebracht haben und bei und mit uns geblieben sind.

Wir sind guter Hoffnung für das diesjährige Festival. Die Lage entspannt sich und wir können das Platzangebot an allen Aufführungsorten bespielen und voll ausschöpfen. Wir hoffen auf einen tollen Sommer, der das momentan noch spürbar zurückhaltende Buchungsaufkommen in spontane Lust an Kunst und Kultur umwandelt.

Hans-Wilhelm Hagen © Helke Rüder

Für dieses und nächstes Jahr haben Sie noch eine großzügige Bundesförderung für Ihr Festival. Kultur ist ein potenzielles Einsparpotential, wenn es um die Refinanzierung der hohen Kosten für die Pandemie und den Ukraine-Konflikt geht. Bereitet es Ihnen Kopfzerbrechen, machen Sie sich Sorgen um den Fortbestand des Festivals nach 2023, wo bereits jetzt Weichen gestellt werden müssen?

Hans-Wilhelm Hagen: Nach den erheblichen Einschränkungen in der Coronapandemie erhalten wir für die kommenden drei Jahre eine Anschubfinanzierung des Bundes in Höhe von jährlich 125.000 Euro. Diese Anschubunterstützung nutzen wir, um die Marke CLASSICAL BEAT in der Kernregion Ostholstein, Plön und Lübeck mit einer Einwohnerzahl von 500.000 und einem Besucherpotential in der Lübecker Bucht von bis zu zwei Millionen Urlauber:innen jedes Jahr zu etablieren. Mittelfristig möchten wir das Festival durch ein attraktives Programm und wachsende Bekanntheit auf solide finanzielle Beine stellen. Dieses soll durch Sponsoren, Stiftungen, Erlöse aus Ticketeinnahmen und Unterstützung seitens der Stadt Lübeck, der Landkreise und des Landes Schleswig-Holstein erreicht werden. Hierfür laufen bereits Gespräche. Ausgelöst durch öffentliche Diskussionen über die Subventionierung von Kunst und Kultur wird den Veranstaltern von Kulturevents immer häufiger die Frage gestellt, welche Effekte ihre Veranstaltungen auf die regionale (Tourismus-)Wirtschaft haben. Diesen Fragen möchten wir mit den Ergebnissen einer Validierung hinsichtlich der Wertschöpfung unseres Festivals zukunftsfähig und inhaltlich fundiert beantworten. Die Untersuchung wird zeigen, ob die in der Beltregion neu entstehende Wirtschafts- und Kulturregion mit dem Knotenpunkt Lübeck und der Tourismusregion Ostholstein das innovative Festival als Alleinstellungsmerkmal auch als Wertschöpfungsfaktor im Kulturtourismus wahrgenommen werden kann.

© Kai Geiger

Nach dem Thema Orient im vergangenen Jahr steht das diesjährige Festival unter dem Thema „Leinen los nach Lateinamerika“. Wie kam es zu diesem Thema und was erwartet die Besucher:innen?

Friedemann Bauknecht: Das Thema ist auf die in Travemünde liegen- de Passat – eine Viermaststahlbark, die zum Handel nach Südamerika zu reisen pflegte – zurückzuführen und schlägt die Brücke zwischen Europa und Lateinamerika. Das CLASSICAL BEAT Festival begibt sich auf eine musikalische Reise – auf der alten Route der Passat nach Lateinamerika und mit außergewöhnlichen Begegnungen mit Künstler:innen aus Kuba, Brasilien und Argentinien.

Marc Tietz © Helke Rüder

Was sind die Highlights des diesjährigen Festivals?

Marc Tietz: Das sechste CLASSI- CAL BEAT Festival präsentiert zwischen dem 21. und 30. Juli Crossover der Extraklasse mit internationalen Künstler:innen. Unter dem Motto „Leinen los nach Lateinamerika“ wird die Vielfalt der lateinamerikanischen Musik in Kombination mit europäischer Klassik in Verbindung gebracht. Das Eröffnungskonzert mit dem argentinischen Superstar und Oscarpreisträger Gustavo Santaolalla in der Musik- und Kongresshalle Lübeck ist ein Höhepunkt gleich zu Beginn. Dort treffen Rock, Pop und Folk mit lateinamerika- nischen Klängen auf Klassik, Moderne und Internationalität und stimmen das Publikum auf die Musikkultur und Rhythmen Lateinamerikas ein. Im Anschluss springt der Funke ins ATLANTIC Grand Hotel nach Travemünde über, wo Omar Sosa und Joo Kraus, Gregor Huebner mit El Violin Latino, Jaques und Paula Morelenbaum, Ralf Schmid, Daniel Schnyder, Pierre Bertrand u. v. w. auftreten und das Motto Lateinamerika mit einem Feuerwerk an lateinamerikanischen Rhythmen verschiedenster Couleur und Spielweise präsentieren.

CLASSICAL BEAT Festival 2021 © Sina Hinz

Das Programm „PEACE“ bringt Stücke junger, dafür ausgewählter Komponist:innen zur Aufführung. Wie war die Aufgabenstellung und wie wurden die Künstler:innen ausgewählt?

Friedemann Bauknecht: Auch wenn es selbstverständlich ist, soll das Thema Frieden daran erinnern, dass Kultur und die Musik im Speziellen über alle geografischen, gesellschaftlichen und religiösen Grenzen hinweg verbindet und man in gegenseitigen Respekt und Harmonie zusammenarbeitet. Unter der künstlerischen und musikalischen Leitung des französischen Saxofonisten, Komponisten und Dirigenten Pierre Bertrand wird das neue Programm „PEACE“, das Thema Frieden, in den momentan bewegten Zeiten in den Vordergrund gestellt. Das Thema Frieden – was es für einen selbe bedeutet, was es in einem auslöst, was damit bewegt werden kann und wie die Person sich damit musikalisch auseinandersetzen kann – war die Aufgabenstellung an die jungen Musiker:innen aus der ganzen Welt. Eine Jury unter Leitung von Pierre Bertrand hat zehn beeindruckende Kompositionen ausgewählt, die im Rahmen des Festivals und im Programm ,,PEACE“ zur Aufführung kommen. Gespielt werden die Stücke vom deutsch-französischen CLASSICAL BEAT Orchester, das hauptsächlich aus jungen, bereits „prominenten“ professionellen Musikern aus Frankreich und Deutschland, aber auch aus ganz Europa und Kanada besteht. Musik als Zeichen des Friedens, das CLASSICAL BEAT Festival als Treffpunkt der Ländergrenz- und genreübergreifenden Kultur und Begegnung.

CLASSICAL BEAT Festival 2021© Sina Hinz

Im vergangenen Jahr entstand aus dem Festival heraus das internationale deutsch-französische Orchester unter Leitung von Pierre Bertrand, mit dem das CLASSICAL BEAT Orchester im Anschluss an das Festival auf große Frankreich-Tour ging. Sie haben diese Tour begleitet. Was hatten Sie für Erwartungen und was ha- ben Sie für das Festival an neuen Ideen und Kontakten mit zurück- gebracht?

Hans-Wilhelm Hagen: Die Konzerttournee der CLASSICAL BEAT Big Band durch Frankreich im Anschluss an das letztjährige Festival war für die Musiker:innen und uns ein großes Erlebnis. Gerade nach den Entbehrungen der Coronazeit war es so wichtig, wieder unbeschwert unterwegs zu sein und ohne Sorgen und Einschränkungen musizieren und auftreten zu können. Pierre Bertrand hatte mit seinen Kontakten in seiner Heimat Frankreich großartige Konzerte und Orte ausgesucht, wo wir auf ein begeisterndes und „hungriges“ Publikum gestoßen sind und neue Kontakte knüpfen konnten. Kontakte, die sich im Aus- bau unserer deutsch-französischen Zusammenarbeit zeigen wird.