"Die rote Herzogin" aktueller denn je!


Wir sprachen mit der Autorin, Übersetzerin und Hörbuchregisseurin Diana Feuerbach, die den Roman "Die rote Herzogin" von der ukrainischen Autorin Svetlana Lavochkina übersetzt hat, der am 28.2.2022 im Verlag Volant & Quist erschien, und durch den Einmarsch Russlands in der Ukraine von einem auf den anderen Tag eine neue Aktualität erfuhr.

Diana Feuerbach © sommerfeld - studio atonale

Wir sprachen mit Diana Feuerbach:

Sie haben mehrfach Russland und die Ukraine bereist und sich in Texten intensiv mit der postsowjetischen Welt beschäftigt. Wie geht es Ihnen?

„Wie vielen anderen auch: ich bin schockiert und traurig. Wer hätte gedacht, dass wir in Europa so kurz nach Corona eine weitere historische Zäsur erleben, diesmal eine kriegerische?“

Kam die Eskalation für Sie überraschend oder haben Sie damit gerechnet?

„Ich habe die Ukraine zum ersten Mal im Jahr 2006 bereist. Damals spürte ich große regionale Unterschiede: in Lemberg und in den Karpaten reagierten manche Leute unfreundlich, wenn ich sie mangels Ukrainischkenntnissen auf Russisch ansprach. Auf der Krim wiederum erzählten mir meine dortigen Gastgeber, dass sie nicht Kiew, sondern Moskau als ihre Hauptstadt betrachten. Ukrainisch konnten sie gar nicht. Ich war überrascht und vermutete, dass es früher oder später zu irgendeiner Form der Spaltung kommen könnte. Seit dem gescheiterten EU-Assoziierungsabkommen von 2014 habe ich dann das Tauziehen zwischen Russland und dem Westen um Einfluss in der Ukraine als unerträglich empfunden. Wer hatte wirklich ein Interesse daran, dass die Ukraine unabhängig und selbstbestimmt ihren Weg findet? Niemand.“


Diana Feuerbach und Svetlana Lavochkina © sommerfeld - studio atonale

Sie arbeiten als Übersetzerin sehr eng mit der ukrainische Schriftstellerin Svetlana Lavochkina zusammen, deren Übersetzung von „Puschkins Erben“ und deren neuem Buch „Die rote Herzogin“, das am Montag 28.2. im Verlag Voland & Quist erscheint, sie gemacht haben. Zwei Romane, die aktueller denn je sind?

„Abgesehen davon, dass es sich bei beiden Büchern um große Literatur handelt, vermitteln sie einen guten Eindruck von der Sowjetzeit. „Die rote Herzogin“, eine grimmige Groteske, spielt in der Stalindiktatur der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, während sich die leichtfüßigeren „Puschkins Erben“ auf die 1970er konzentrieren, also die Breschnew-Ära. Man kann viel lachen beim Lesen, aber gerade bei der „Roten Herzogin“ bleibt das Lachen fast immer im Hals stecken, so martialisch geht es zu. Das Martialische ist leider wieder aktuell.“

Sind Sie in Kontakt mit Svetlana Lavochkina? Wie geht es ihr und ihrem Umfeld?

„Svetlana Lavochkina und ich stehen uns nicht nur beruflich nahe, sondern sind auch privat in Leipzig befreundet. Sie leidet unter den aktuellen Ereignissen in ihrem Herkunftsland, bangt um ihre Freunde und ist entschlossen, mit ihrem Wort gegen diesen Krieg zu kämpfen. Obwohl ihre Muttersprache Russisch ist, fühlt sie mit jeder Faser ihres Herzens pro-ukrainisch.“

Anlässlich der alternativen Buchmesseformate in Leipzig zwischen dem 18.-20.3.2022 sollen mehrere Lesungen von Svetlana Lavochkina und Ihnen stattfinden? Werden die Lesungen aus heutiger Sicht stattfinden, und werden diese nicht eher ein Sprechen über die Ukraine, da sicherlich ein großes Bedürfnis besteht von Svetlana Lavochkina hautnah ihre Einschätzung der Situation, Ihren Ängsten und Hoffnungen zu erfahren?

„Dem Stattfinden der Lesungen steht, hoffe ich, nichts mehr entgegen. Unser primäres Ziel ist, „Die rote Herzogin“ vorzustellen. Aber natürlich soll das Publikum auch mit Svetlana Lavochkina über die aktuellen Ereignisse ins Gespräch kommen können. Es hat seine eigene Tragik, dass nun beides zusammenfällt. Niemand wünscht sich eine durch Krieg beförderte Aufmerksamkeit.“

Was kann und muss die Kultur und Sie als Schriftstellerin in dieser Situation machen und leisten?

„Das Wort "müssen" lehne ich im Zusammenhang mit Kunst und Kultur ebenso ab wie das Wort "leisten". Kunst und Kultur sollen frei sein und nicht gemessen werden, egal in welcher Situation. Ich bin in der DDR aufgewachsen; dort wurde das Schöpfertum zensiert und von der Regierung instrumentalisiert. Vielleicht ist mir deshalb der Freiheitsgedanke so wichtig. Mit dem Wort "können" ist es etwas anderes. Ich versuche derzeit, Freunden und Bekannten in Odessa meine Hilfe anzubieten. Das mache ich privat. Eine Bühne suche ich nicht.“

Ihre Hoffnungen sind ....

„… dass dieser Krieg sofort aufhört und alle wieder heimgehen können! Diese Hoffnung ist so einleuchtend wie naiv. Eine andere Hoffnung, die nun leider auch schon wie eine Utopie klingt, wäre gewesen, dass die einfachen Menschen (und nicht die ukrainischen Oligarchen, die die Politik im großen Stil mitbestimmt haben!) in allen Teilen der Ukraine hätten abstimmen dürften, wohin sie sich wenden wollen: in Richtung EU, zurück unter russischen Einfluss, oder – und das wäre das Schöne gewesen – in eine wahrhaft eigene, selbstbestimmte Richtung, eine föderale Republik, die dem Blockdenken, der Dichotomie eine Absage erteilt hätte. In diesem Fall hätte eine Symbiose der Gegensätze gelingen können.“


Das Gespräch führte Kai Geiger 

Die rote Herzogin - Svetlana Lavochkina & Diana Feuerbach im Gespräch | Zentralbibliothek Dresden
am 10. Januar 2022

Svetlana Lavochkina/Diana Feuerbach: Puschkins Erben