Interview Sybille Kornitschky

 

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause findet dieses Jahr die jazzahead! wieder in Präsenz statt. Wie fühlt sich das für Sie an?

„Endlich“ und „richtig“ sind die Worte, die mir da spontan über die Lippen kommen. Nach der Absage in 2020, drei Wochen vor Messe- und Festivalbeginn, und der rein digitalen Jubiläumsausgabe im letzten Jahr steuern wir jetzt auf eine hybride Ausgabe der Fachmesse zu. Die Entscheidung hierzu ist schon im letzten Sommer gefallen. Wir konzentrieren uns auf die Veranstaltung vor Ort, gleichzeitig wollen wir aber auch alle mitnehmen, die in diesem Jahr pandemiebedingt noch nicht wieder nach Bremen reisen können oder wollen. Das hybride Angebot bietet natürlich auch für Erstbesucher:innen die Möglichkeit, aus der Ferne einfach mal dabei zu sein und reinzuschnuppern. Wie im letzten Jahr arbeiten wir wieder mit einer Eventplattform, die einen Austausch unter allen Teilnehmenden und ein Nachhören der Konzerte und des Fachprogramms ermöglichen wird – auch nach den vier Messetagen in Bremen.

Und mit Kanada kommt das Gastland zum ersten Mal aus Übersee.

Ja, im 10. Jahr unserer bislang eher in Europa liegenden Partnerländer wollten wir den Weg nach Übersee wagen. Wir hatten 2019 angekündigt, den Austausch zwischen den europäischen und den Überseemärkten stärker fördern zu wollen – Kanada war für uns hier die erste Wahl. Und im dritten Anlauf ist es nun endlich soweit und Kanada kommt musikalisch geballt und in einer beachtenswerten Bandbreite mit rund 20 Bands und einer großen Delegation mit zahlreichen Festivals und Promotern. Auch im stadtweiten Programm wird Kanada eine große Rolle spielen, wie immer auch jenseits der Musik mit Tanzperformances, Lesungen und einem spannenden Filmangebot. Ein super Anlass, Bremen während der Festivalzeit zu besuchen.

Pandemie, drohende Einsparrunden im Kultursektor und jetzt noch der Ukraine-Krieg. Wie nehmen Sie die Befindlichkeit in der Jazz- und Musikbranche wahr und wie kann eine Messe darauf reagieren?

Die letzten zwei Jahre waren einfach extrem schwierig für alle. Wir bewegen uns innerhalb einer Szene und Branche, die extrem gebeutelt ist und von der wir nicht wissen, wie sie am Ende tatsächlich aussehen wird. Das merken wir natürlich auch in den Vorbereitungen der jazzahead! 2022. Wir versuchen hier einfach Kurs zu halten, Perspektiven zu bieten, Öffnungen auch thematisch zu verfolgen und gute Impulse zu setzen. Wir sind uns sicher, es braucht wieder den verstärkten Austausch untereinander, aber es braucht auch neue Perspektiven, neue Ideen, Märkte und Möglichkeiten.

Das gesagt, ist es aber aktuell wieder sehr schwer, Kurs zu halten, mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine. Diese sollte zum ersten Mal bei der jazzahead! über das Ukrainische Kulturinstitut auch Ausstellerin sein. Wir stehen diesbezüglich auch weiterhin im Austausch mit dem Institut und arbeiten an dieser Zielsetzung. Das Institut wünscht sich, dass jetzt erst recht Künstler:innen aus der Ukraine auf Festivals gebucht werden, das wollen wir unterstützen.

Die letzten zwei Jahre hat sich viel bewegt. Einer der „positiven“ Effekte der Pandemie ist ein Innovationsschub in der Digitalisierung, Nutzung von Techniktools und neuen Präsentationsformen. Wie hat sich die jazzahead! mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und wie wird sich die jazzahead! in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Wir selbst haben von diesen technischen Entwicklungen profitiert, viel gelernt und sie deshalb auch in unser diesjähriges hybrides Setting übernommen. Für manch einen in der Szene mag das nicht zusammengehen, Jazz und Technik, für uns schon. Jazz ist doch immer schon offen für Innovationen, für Experimentelles gewesen. Entwicklungen in der Musiktechnologie, im KI-Bereich können eine Bereicherung im kreativen Schaffensprozess sein. Der Blick in angrenzende musikalische Bereiche kann nicht nur bereichern, sondern auch neue Optionen und Perspektiven bieten. Wir wollen uns des Themenspektrums annehmen und schon in diesem Jahr sowohl innerhalb der Messe als auch des Fachprogramms erste Akzente setzen.

Hierfür sind Sie 2021 eine Partnerschaft mit MusikTech Germany eingegangen. Was erwarten Sie sich von der Partnerschaft?

Wir haben uns mit dem Verband einen Partner gesucht, der die technologischen Entwicklungen auf dem Musikmarkt bestens kennt und verfolgt. Wir wollen gemeinsam ausloten, welche dieser Entwicklungen für die Jazzszene in Zukunft eine stärkere Rolle spielen könnten. Wir wollen darüber auch die Zielgruppenansprache erweitern, denn wir glauben, dass die Technikszene noch viel zu wenig im Austausch mit der Jazzbranche steht.

Explizit wollen wir aber auch über MusicTech hinaus Start-ups und Aktive ansprechen und organisieren deshalb auch erstmalig einen Gemeinschaftstand unter dem Label „Innovation in Music & Crossover Markets“. Wir hoffen, unsere Fühler in Richtung Elektronische Musik, Klangkunst und vieles mehr ausstrecken zu können und Vertreter:innen auch aus diesen Szenen besser zu erreichen.

Das Interview führte Kai Geiger