Interview mit Ralf Schmid

Was ist für Sie Innovation in der Musik?

Ein Gegenpol zur Tradition. Ungehörte Klänge, neue Spielmöglichkeiten. Brücken in den Nebel bauen.

Sie sind einer der Künstler, der die Pandemie intensiv zum Ausprobieren und für die Entwicklung neuer Formate, u.a. wöchentliche „Soil Music Sessions“ mit wechselnden Künstler:innen und Genres, genutzt haben. Was steht für Sie am Ende an Neuem, an Erfahrungen und wie wichtig war für Sie der Austausch in dieser Zeit?

Für mich war die Umstellung auf Musik in der Isolation anfangs total ungewohnt. Es war selbstverständlich, dass kreative Prozesse, Austausch, Kollaboration am besten funktionieren, wenn man sich im gleichen Raum befindet, zusammen reist, kocht, isst, spazieren geht. Das ist sicherlich immer noch so. Aber die digitalen Kollaborationen haben die Prozesse ergänzt. Warum nicht in einer Art Studio Ping-Pong Stücke im Hin und Her entwickeln und das dem Publikum zugänglich machen? Warum nicht mit Künstler:innen von weit weg musizieren, ohne an Reisekosten denken zu müssen? Warum nicht Livestreams und Videos von zu Hause aus produzieren? Die Pandemie hat vieles angetriggert und ermöglicht.

Sie probieren und entwickeln Technik-Tools, setzen sich mit Raum und Zeit, mit Künstlerischer Intelligenz und Immersive Art auseinander. Woher kommt diese Faszination, Aspekte menschlichen Denkens und Handelns, die Musik mit Computern nachzubilden? Was suchen Sie, was wollen Sie erspüren?

Ich suche nach Musik, die unsere Gegenwart reflektiert. Mich interessieren die Schnittstellen zwischen Menschen und Maschinen. Wo kann uns Technik unterstützen, befreien, Lösungen schaffen für die großen Herausforderungen der Menschheit? Ich glaube, dass Künstler:innen ihre kreativen Fähigkeiten nutzen sollten, um „meaningfultechnology“ zu entdecken, zu erfinden oder zu pflegen.

Ist die Auseinandersetzung mit Technik und Fortschritt heute eine Anforderung an das Musikmachen, das Komponieren, die Musiker:innen, eine Art State of the Art?

Ich denke, das ist sehr individuell, die Technik erweitert eher das Spektrum an künstlerischen Möglichkeiten.

Diese Themen sind bisher auf der jazzahead! nicht präsent. Müssten sie es sein?

Ja, auf jeden Fall. Auf der jazzahead! trifft sich eine globale Musikszene, und das kreative Potenzial dieser Szene ist enorm. Es ist kaum denkbar, dass Themen wie Innovation und Technologie hier nicht verhandelt werden. Insofern freue ich mich sehr darauf, eine Keynote unter dem Titel „Soulful Technology“ auf der jazzahead! halten zu können, die diesen Prozess mit antriggert.

„Soulful“, was meinen Sie damit?

Es spielt an auf die menschliche Seele, die der Maschine ja abgeht. Und natürlich hat „soulful“ auch eine Bedeutung in der Beschreibung von Musik.

Verliert man nicht an musikalischer Bodenhaftung, wenn die Technik übernimmt?

Ich glaube, es ist beim Musizieren kein Problem, ab und zu die Bodenhaftung zu verlieren und abzuheben. Ob die Technik wirklich übernehmen kann oder doch letztlich immer auf menschliche Steuerung angewiesen ist, gilt es gerade im Rahmen solcher Foren wie auf der jazzahead! noch zu klären.

Verändert sich die Art des Komponierens, wenn neben den Noten und Tönen auch noch Sensoren, Magnetfelder, Knöpfe, Regler, elektrische Signale, die Bild und Tongebung, die visuelle Erscheinung eine Rolle spielen?

Auf jeden Fall. Andere Realitäten und Möglichkeiten bringen andere Klänge hervor. Wenn ich daran denke, wie sich mein Instrument, das Klavier, über die Jahrhunderte technologisch entwickelt und dadurch neue Möglichkeiten für Kompositionen und Improvisationen eröffnet hat, sehe ich ein Phänomen, das sich durch die ganze Musikgeschichte zieht.

Mir hat kürzlich ein Musiker gesagt, dass er innerlich abwinkt und das Interesse verliert, wenn er einen Laptop auf der Bühne stehen sieht. Nachvollziehbar oder ein Verschließen vor dem Ist und der Zukunft?

Hm… nachvollziehbar. Ich weiß ja nicht, welche Erfahrungen er gemacht hat. Es sollte aber nicht die Regel werden, dass Musiker innerlich abwinken, wenn es um neue Musizierformen geht.

Das Interview führte Kai Geiger