Beat Toniolo: „Ich denke und arbeite in Crossover.“
„Ich bin lieber eine Persona non grata‘ als eine Persona non Rückgrata‘.“

Warum ich mich als „nicht ausgebildeter Künstler“ auf unwegsames Terrain der verschiedenen Kunstgenres begebe? Heikle oder auch „normale“ Themen an Orten mit unterschiedlichen Künstler:innen zu initiieren und zu organisieren ist meiner Neugierde geschuldet, das zu tun, was ich in meinem eigenen Kunstgenre nicht kann. Dadurch erschließe ich mir neue Welten der Vielschichtigkeit der Kunst. Was mir aber in die Wiege gelegt worden ist, neben der Neugier, ist die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, welche es vielleicht in diesen künstlerischen „Kombinationen“ nicht gegeben oder welche man so nicht „erwartet“ hätte. Man kann es vielleicht „naiv-experimentelle Neugierde“ nennen. Das Wort „naiv“ sehe ich hier aber nicht negativ, sondern die Naivität führt mich auf einen Weg, der nie gerade ein Ziel „verfolgt“, sondern mir und den Zuschauer:innen durch und dank der Umwege neue Sichtweisen der Welt, der Kunst beschert. Daher ist eine „falsche Route“ nicht falsch, sie ist einfach „anders“, und das muss man auch aushalten, die Gelassenheit und auch die Gewissheit und mein Vertrauen, dass es „gut“ kommen mag, wenn alle an einem Strick ziehen. Das ist die Antriebsfeder meines Schaffens. Meine positiven Erfahrungen seit über 30 Jahren mit vielen hundert unterschiedlichen Charakteren der Kunst sind meine Motivation, immer wieder neue Projekte, neue Wege anzugehen, auch wenn es nicht „einfacher“ wird. Aber, wenn ich sehe, wie die Besucher:innen aller Generationen sich auf meine „Experimente“ mit dem Zusammenfügen der unterschiedlichen Genres oder „schrägen Themen“ einlassen und positiv reagieren, das ist dann wie eine „Infusion für die Kunst“. Und vielfach sind die „Umwege“ interessanter als der gerade Weg zum Ziel. Mich immer wieder neu zu „sortieren“, mich auf neue Projekte einzulassen, welche mich interessieren, das stärkt mich.

Eine neuartige Videoform, welche nun seit einigen Jahren gerne als Environment benutzt wird, ist die IMMERSIVE ART: Eine „raumfüllende“ Videodarstellung, in welcher, neben den Wänden, auch Boden und Decke, einbezogen werden, um in die Videodarstellungen „einzutauchen“.

Dies Art und Weise habe ich erstmals 2017 in Leipzig (Kunstkraftwerk) eingesetzt, in welcher ich mit dem Titel „Der Augenblick ist ein Ufer“ (Literat: Adel Karasholi) eine spartenübergreifende Inszenierung mit Lesung (Schauspieler: Michael Mendl),fünf Komponisten, u.a. mit Livemusik, Tanz/Performances und Videokunst initiiert und organisiert habe. Die Quintessenz meiner spartenübergreifenden fünf Rheinfall-Festivals (2003 bis 2012, u.a. als Co-Leiter der Kulturverleger Kai Geiger) war die Idee, dem größten Wasserfall in Europa eine Hommage zu schenken: Ein Jahr lang hat das Team um Reto Troxler von module+ den Rheinfall mit vier Kameras an vier festen Standorten „begleitet“: Pro Minute wurde ein Foto gemacht = ca. 2 Millionen Bilder auf Speicherplatten von ca. 280 Terrabites! Für diese weltweit erstmalig große Inszenierung eines Immersive Art Naturschauspiels wurden vier Komponisten dazu eingeladen (u.a. Dieter „YELLO“ Meier), diese Bilder musikalisch zu komponieren, dies mit Stimmen in den vier Schweizer Landessprachen, mit einem gesungenen Rilke-Gedicht und einem auf den Rheinfall bezogenen Gedicht der Münchner Autorin und Librettistin Ursula Haas. Dieses eindrückliche Natur-Werk kann man direkt oberhalb des Rheinfalls in einer der historischen SIG-Hallen sichten: „DER RHEINFALL IN 4 JAHRESZEITEN“. Es sind nun weitere Ideen für eine Immersive Art-Inszenierung an anderen Orten in Planung.

Es ist aber nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“. Es gibt auch die Schattenseiten meines Schaffens mit Herzblut für die Sache. Man benötigt einen langen Atem, die Kraft und Leidenschaft, sich über alle Schwierigkeiten hinwegzusetzen, bei sich und seinen Ideen und Visionen zu bleiben. Dabei kann das Bewusstsein für die Wichtigkeit in der Wirkung der Kunst auch eine Hilfe sein, sich nicht unterkriegen zu lassen.

 

Projekte Beat Toniolo

MENDL & FRIENDS FESTSPIELE ZEITZ - Überraschende Begegnungen mit Bach, Clara Schumann, Goethe, Rilke, „Frisch, Brecht & Luther“

"Alles sCHweiz - oder was" - eine gesellschaftskritische Intervention mit vielen unterschiedlichen Inszenierungen, in der Alten Hauptpost Leipzig zur BUCHMESSE, Gastland Schweiz, 2014