Oberbürgermeister Eric Pauly © Stadt Donaueschingen

INTERVIEW MIT ERIC PAULY, OBERBÜRGERMEISTER DER STADT DONAUESCHINGEN

Welche Bedeutung haben die Donaueschinger Musiktage für die Stadt, für den Standortfaktor Donaueschingen?

OB Eric Pauly: Die Donaueschinger Musiktag sind Aushängeschild unserer Stadt und dank ihrer internationalen Ausstrahlung für Donaueschingen von unschätzbarem Wert. Im städtischen Kultur- und Veranstaltungskalender zählen sie und das S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-​Gedächtnisturnier zu den absoluten Highlights. Gemeinsam sind wir stolz darauf, dass die Musiktage in über 20 Länder der Welt übertragen werden und dabei Donaueschingen immer erwähnt und als Weltmetropole der Neuen Musik gefeiert wird. Nicht nur die Tatsache, seit einem Jahrhundert zentraler Ort der neuen Musikgeschichte zu sein ist für Donaueschingen überaus wertvoll, die vielen Gäste, die jährlich das Musikfestival besuchen, sind für unsere Stadt auch Multiplikatoren im Bereich des Stadtmarketings. Alle – die Stadt, die Einzelhändler, das Gastgewerbe, die Hotellerie und letztendlich die gesamte Kunst- und Kulturszene, vor allem auch unsere zeitgenössischen Sammlungen wie das Museum Art.Plus oder die Ausstellung Fürstenberg Zeitgenössisch - profitieren von diesem Großereignis und seiner Internationalität in erheblichem Maße. Gemeinsam freuen wir uns darüber, wenn jährlich rund 10.000 Gäste und hunderte von Journalisten aus nah und fern das Festival besuchen.

Stadtkirche St. Johann und F.F., Schloss © Stadt Donaueschingen, Fotograf Tobias Raphael Ackermann

Welche Beziehung haben die Donaueschinger:innen zu einem Festival für Neue Musik, das alles andere als „populär“ und den Mainstream besetzt. Ich kann mich an einen Abend im Bräustüble erinnern, wo sich zwei ältere Herrn zur Begrüßung zuriefen „Die Verrückten sind wieder in der Stadt“.

OB Eric Pauly: Jede Art von Musik und Kunst hat seine Interessenten. Dazu gehört aber auch Toleranz auf allen Seiten. Dass ein Festival, das jedes Jahr die neuesten Trends der zeitgenössischen Musik, Experimentelles und bislang Ungehörtes auf die Bühne bringt, nicht jeden Geschmack trifft, versteht sich von selbst und würde auch in einer Großstadt nicht anders sein. In den vergangenen Jahren ist es jedoch gelungen, die Donaueschinger Musiktage einem breiten Publikum zugänglich zu machen und große Teile der Bürgerschaft für die neue Musik zu interessieren. Dabei ist nicht jeder Donaueschinger ein Freund der zeitgenössischen Tonkunst geworden, aber jeder hat verstanden, dass es in der Tonkunst neben anerkannter Vergangenheit auch Gegenwart, ja sogar Zukunft gibt. Durch die Kunstform der Klangkunst-Installation wurde das Festival aus den Konzertsälen heraus in die Stadt gebracht und auch dem regionalen Publikum einen wohlgemerkt kostenlosen Zugang ermöglicht.

Zudem sind viele Donaueschingerinnen und Donaueschinger unverzichtbarer Bestandteil des Festivals: Sie helfen, es zu organisieren und durchzuführen, verkaufen Programmbücher und Tickets, arbeiten als Aufsicht, sind Stagehands für die Orchester oder helfen Kunstinstallationen aufzubauen.

Häufig werden auch Donaueschinger Schulklassen und Vereine in das Musikgeschehen einbezogen. In diesem Jahr sind die Musikvereine und die Lehrerschaft der Musikschule Teil einer großen Musikperformance „Donau/Rauschen“ von Daniel Ott und Enrico Stolzenburg, die am Samstag 16. Oktober ab 16.00 Uhr zwischen dem Residenzbereich und den Rathäusern entlang der Karlstraße stattfindet. Von daher bin ich mir sicher, dass das Festival 2021 noch lange Gesprächsthema in Donaueschingen bleiben wird – in ganz positivem Sinne.

Blick auf die Donauquelle © Stadt Donaueschingen, Fotograf Tobias Raphael Ackermann

Ein erfolgreiches Festival weckt Begehrlichkeiten. Gab es Abwerbungsversuche, Überlegungen in den letzten 100 Jahren das Festival in eine andere Stadt, näher an das SWR Referenzorchester zu verlegen, auch aus Kostengründen und der kürzeren Wege?

OB Eric Pauly: Die Donaueschinger Musiktage werden von der Gesellschaft der Musikfreunde e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Donaueschingen und dem Südwestrundfunk veranstaltet. Heinrich Fürst zu Fürstenberg ist Schirmherr des Festivals.

Der „Export“ des Festivals nach Baden-Baden und Berlin war nur von kurzer Dauer. Ich denke, wir sind uns einig, dass die „Musiktage“, wenn sie in Stuttgart, Berlin oder einer anderen Großstadt stattfinden würden, nicht das wären, was sie heute sind. Denn die Musiktage haben sich durch den Ort ihrer Entstehung und Heimat Donaueschingen beeinflussen lassen. Andernorts wäre das Festival in der Form sicher nicht denkbar: nicht ohne die Residenzgeschichte, nicht ohne eine aufgeschlossene und neugierige Bürgergesellschaft, natürlich auch nicht ohne politische Gremien, die nie einen Zweifel an der Bedeutung und Relevanz der Veranstaltung für unsere Stadt hatten. Der entscheidende Standortvorteil der Stadt Donaueschingen als Heimat der Musiktage ist aber sicherlich die Größe unserer Stadt: Während des Festivalwochenendes dominieren die Veranstaltungen das gesamte städtische Leben und es entsteht eine wunderbare Diskussions- und Workshop-Atmosphäre. An jeder Ecke, in jedem Gasthaus wird Erlebtes verarbeitet und wird über Partituren gestritten. In keiner Großstadt wäre eine solch Konzentration auf die Inhalte denkbar.

Protest.Politik.Provokation. In den letzten 100 Jahren gab es immer wieder handfeste Skandale, wurde die Bühne Donaueschingen für gesellschaftliche und politische Statements genutzt. Wie politisch darf und kann ein Festival sein?

OB Eric Pauly: Wir leben in einer Demokratie, und es herrscht freie Meinungsäußerung: auch in künstlerischen Belangen. Letztlich liegt das in der Entscheidung des künstlerischen Leiters – weshalb Sie diese Frage eher an Björn Gottstein richten müssten.

Björn Gottstein © SWR Donaueschinger Musiktage

Björn Gottstein: Viele Komponist*innen setzen sich mit politischen Themen auseinander. Sie sind auch als Künstler*innen politisch denkende und handelnde Menschen. Insofern werden die Donaueschinger Musiktage auch immer einen politischen Aspekt haben. In diesem Jahr setzen sich Komponist*innen mit Gewalt, Diskriminierung und auch mit der Situation um Covid auseinander. Kunst darf durchaus auch provozieren und überspitzen, das ist eine wichtige Aufgabe im gesellschaftlichen Diskurs. Der Skandal ist natürlich nie das Ziel einer künstlerischen Arbeit, wenn er sich ereignet, ist er Ausdruck einer Kluft in der Gesellschaft. Kunstwerke können diese Kluft sichtbar machen.

100 Jahre DMT heißt auch Klangkunst von und mit internationalen Künstler:innen, die nach fünf Tagen zum Teil für immer „verschwinden“. Wäre es nicht an der Zeit der Klangkunst ein eigenes Museum zu widmen, so wie das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna, das sich der Lichtkunst verschrieben habt. Auch unter dem Gesichtspunkt die Musiktage noch stärker und 365 Tage im Jahr in Donaueschingen präsent zu haben, kulturtouristisch nutzen können?

OB Eric Pauly: Die Stadt Donaueschingen ist vor einigen Jahren mit der künstlerischen Leitung des Festivals übereingekommen, dass bei den Musiktagen Kunstinstallationen gezeigt werden, von der jeweils eine pro Jahr dauerhaft in Donaueschingen verbleibt. Damit wird dem langjährigen Wunsch entsprochen, die Donaueschinger Musiktage auch außerhalb der Festivalzeit in unserer Stadt zu etablieren. Begonnen wurde 2019 mit der Arbeit „Tonspiegelraum“ des österreichischen Künstlers Bernhard Leitners in der Pergola der Donauhallen. In diesem Jahr kommt Stefan Frickes & Alper Marals Werk „Am Grabe / Aus der Ferne“ an der Kunstschule hinzu. Weitere Schenkungen an die Stadt Donaueschingen sind in Planung.

Die Exponate stehen im öffentlichen Raum und sind kostenlos und rund um die Uhr zu besichtigen. Leitners Exponat wurde zudem Bestandteil des DonauKunstwegs in Donaueschingen, einer Sammlung von zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum in der Region Bodensee bis hin zum Schwarzwald-Baar-Kreis.

In den vergangenen Jahren hat Donaueschingen neben der zeitgenössischen Musik auch ihr Profil als Stadt für zeitgenössische Kunst geschärft. Vor diesem Hintergrund wäre die Idee, ein Museum für Klangkunst zu errichten sicher reizvoll, würde sich aber nicht mit dem Konzept der Klangkunst-Installationen der Donaueschinger Musiktage decken. Diese sind an bestimmte Orte - überwiegend im Freien – gebunden und verfolgen das Ziel, die Musiktage in das Stadtleben zu integrieren und dem Betrachter einen niederschwelligen und kostenlosen Zugang zu gewähren.

Donaueschinger MT 2018, Generalprobe Mozartsaal © Stadt Donaueschingen

Was wünschen Sie Donaueschingen und den DMT zum 100. Geburtstag?

OB Eric Pauly: Ich bin angesichts der Corona-Pandemie vorsichtig, aber auf jeden Fall positiv gestimmt und zuversichtlich und freue mich, wenn alle geplanten Veranstaltungen ohne Einschränkungen stattfinden können. Ich wünsche den Musiktagen und allen Besuchern ein unvergessliches Jubiläum, sozusagen einen künstlerischen Premium-Jahrgang, und bin gleichzeitig gespannt auf die noch vor uns liegenden Festival-Ausgaben. Mögen die Donaueschinger Musiktage noch weitere 100 Jahre Alleinstellungsmerkmal unserer Stadt und das wichtigste Forum für zeitgenössische Musik bleiben, das jährlich mit vielen Uraufführungen,neuen Ideen und Entwicklungen der Musik, der Live-Elektronik und der Installationen das internationale Publikum begeistert