Björn Gottstein © SWR Donaueschinger Musiktage

INTERVIEW MIT BJÖRN GOTTSTEIN

Wir sprachen mit Björn Gottstein anlässlich der Donaueschingen Musiktage 2019. Björn Gottstein ist seit 2015 Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

Viele Wochen der Unsicherheit, ob das Festival stattfinden kann oder nicht liegen hinter Ihnen. Wie hat dies die Planungen und Ihre persönliche Arbeit beeinflusst?

Björn Gottstein: Natürlich kuratiert das Virus mit. Wir haben in den vergangenen Monaten vor allem gelernt, Eventualitäten in Konzertkonzepte einzubauen. Die Werke sollen auch unter schwierigen Bedingungen aufführbar sein. Man sieht es vielleicht an den Besetzungen, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – oft kleiner Ausfallen als sonst.

Wie froh sind Sie mit einem Festival in Präsenz in Donaueschingen aufhören zu können?

Björn Gottstein: Die Donaueschinger Musiktage werden 100 Jahre alt. Dies nicht gemeinsam feiern zu können, wäre schlimm gewesen.

Ist es der richtige Zeitpunkt aufzuhören und läuten Sie mit ihrem Weggang eine Phase der Künstlerischen Leitung in kleineren Zeitintervallen ein? Ihre beiden Vorgänger Josef Häusler (17 Jahre) und Armin Köhler (22 Jahre) waren zeitlicher sehr viel länger im Amt?

Björn Gottstein: Ja, es ist der richtige Zeitpunkt. Schon im Vorfeld war klar, dass die Festivalleitung zeitlich begrenzt werden soll. Ich werde, wenn ich gehe, an sieben Festivaljahrgängen teilgehabt haben. Das ist eine hinreichende Zeit. Der Wechsel in der künstlerischen Leitung wird auch dem Festival gut tun.



100 Jahre Donaueschingen – eine Sensation, wie Sie es selbst diese Tage formuliert haben. Was ist die Sensation und was macht den Erfolg und die Standfestigkeit des Festivals und des Genre Neue Musik aus?

Björn Gottstein: Die Sensation ist, dass eine Veranstaltung, die zunächst doch etwas esoterisch gewirkt haben muss und zudem nicht in einer Metropole, sondern in einer kleinen Stadt im Schwarzwald stattfindet, ein solches Renommee genießt. Die Neue Musik galt lange als eher verschrobene Kunstform. Die Donaueschinger Musiktage haben doch dazu beitragen können, dieser Kunstform eine gewisse Aufmersamkeit zuteil wird.

Haben sich die Donaueschinger je mit dem Festival angefreundet und identifiziert. Ich kann mich an eine Unterhaltung im Bräustüble erinnern, wo sich zwei Männer zuriefen „Die Verrückten sind wieder in der Stadt“?

Björn Gottstein: Ich spüre in der Stadt einen großen Rückhalt und auch einen gewissen Stolz, dass man einmal im Jahr im Mittelpunkt des Kulturlebens steht. Deswegen muss nicht jeder Donaueschinger Neue Musik hören. Aber wenn wir schauen, wie gut z. B. die Klanginstallationen angenommen werden, dann erkennt man doch auch eine große Neugier.

Was ist Ihr persönliches 100 jähriges-Abschieds-Highlight im diesjährigen Programm?

Ich freue mich besonders, dass wir das Projekt Donaueschingen Global realisieren konnten. Aufgrund der Recherche des Global-Teams konnten wir in diesem Jahr Musiker und Komponisten aus der gesamten Welt, von Bahrain bis Peru, von Thailand bis Namibia einladen.

Nach dem Festival hören Sie nach 7 Jahren als Künstlerischer Leiter in Donaueschingen auf. Eine persönliche Bilanz?

Björn Gottstein: Es waren sieben großartige Jahre. Und die Freude darüber, so viel Musik ermöglicht zu haben, ist immens. Ich hoffe, dass ich dem Festival einige Impulse verleihen konnte.

Sie wechseln zu Anfang 2022 als Geschäftsleiter des Kuratoriums zur Ernst von Siemens Kulturstiftung. Was erwartet Sie dort für Aufgaben und bleiben Sie der Neuen Musik, die Sie seit vielen, vielen Jahren auch schon vor den Donaueschinger Musiktagen verbunden sind, erhalten?

Björn Gottstein: Die Ernst von Siemens Musikstiftung ist eine der wichtigsten Kulturinstitutionen. Und sie widmet sich ja hingebungsvoll insbesondere der Neuen Musik. Ich freue mich darauf, für die Stiftung etwas zum Musikleben beitragen zu können.