Marc Tietz © Helke Rüder

INTERVIEW
Wir sprachen mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Stiftung Neue Musik-Impulse Schleswig-Holstein und Festival-Leiter Hans-Wilhelm Hagen und dem Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros, Marc Tietz.

Wie entstand die Idee zum CLASSICAL BEAT Festival und der tragenden Stiftung Neue Musik-Impulse Schleswig-Holstein?

Marc Tietz: Ich bin erst seit Anfang 2018 dabei, aber CLASSICAL BEAT ist entstanden, als der Festivalleiter Hans-Wilhelm Hagen in der Schweiz auf ein ähnliches Projekt gestoßen ist, wo konservativ-klassische Konzerte mit Club-Musik für ein junges Publikum gemischt wurden. So etwas wollte er auch hier in Schleswig-Holstein etablieren und hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Stiftung zu gründen, die junge Musikerinnen und Musiker fördert und ein Festivalprogramm aufstellt, das hohe Qualität bietet und auch ein junges Publikum anspricht. Es gibt eine Studie aus Luzern, die herausgefunden hat, dass klassische Konzerte dringend neu aufgestellt werden sollten, um junge Menschen dafür zu begeistern. Wir haben uns inzwischen von dem schweizerischem Festival abgegrenzt und befinden uns auf eigener Reise: Der Ansatz ist, das klassische Konzertformat aufzubrechen um die Hemmschwelle für junge Leute zu senken und klassische Musik für sie attraktiver zu gestalten.

Hans-Wilhelm Hagen: CLASSICAL BEAT entwickelt die Idee, das kulturelle Erbe mit einem einzigartigen, musikalischen Brückenschlag über die klassische Musikwelt in die moderne Gegenwart zu überführen. Deutet man den langfristig prognostizierten Rückgang des Interesses an öffentlichen klassischen Musikkonzerten – also im Grunde den Rückgang des Interesses an einem der europäischen Kulturerbe schlechthin - als eine sich abzeichnende Drohkulisse, und ein Gegensteuern als eine immer wichtiger werdende gesamtstaatliche Aufgabe, so wäre vor diesem Hintergrund das Gelingen der Idee ein hochinteressanter Zukunftsansatz im Kulturbetrieb. CLASSICAL BEAT setzt bekannte Werke der klassischen Musik in einen neuen Kontext – mit Improvisation, Spontanität und Grenzüberschreitungen zu anderen Musikstilen. Klassische Musik wird hierbei von starren Konventionen befreit und die traditionelle Form des Konzerts aufgebrochen. Nicht zuletzt auch durch die Verknüpfung der Musik mit Raum, Licht und anderen Formen der Kunst, wie Video, Performance oder Tanz. Es entstehen neue oder Rekompositionen einer klassischen Epoche (zB Barock oder Romantik) oder neue Kompositionen mit einem hohen Wiedererkennungswert des Musikstils und seiner kulturellen Identität oder Herkunft eines Landes. Der Übergang von klassischer zur elektronischer Musik wird als innovatives kompositorisches Element genutzt. Wirkungsvolle Entfaltung beim Publikum wird durch Adaptionen klassischer Originalwerke mit elektronischen Instrumenten erzielt: Ein länderspezifischer, klassisch-beliebter Stil mit einer hohen Wiedererkennung von populärer klassischer Musik wie Tango, Bossanova, Barock oder Romantik aber auch Jazz sowie Pop wird kombiniert oder ergänzt mit Live-Elektronik (Live-Remix, Live-Sampling).

Hans-Wilhelm Hagen © Helke Rüder

Welcher Impuls führte Sie zur Realisierung?

Hans-Wilhelm Hagen: Der Impuls ging aus meinem Besuch in der Tonhalle Zürich aus, die mit zusammen mit dem schweizer Musiker Etienne Abelin innovative Ideen und neue Formate einsetzen, um ein junges Pubikum für die klasssiche Musik zu begeistern. Diesen Impuls habe ich aufgegriffen. Mit der Leitidee “CLASSICAL BEAT ist Klassik am Puls der Zeit“ fördert das Festival neue, andersartige und eigenständige Formen im Umgang mit und der Darstellung von Klassik. Um so insbesondere nachkommende Publikumsgenerationen gleichermaßen wie junge Musikkünstler zu begeistern und zu unterstützen.

© Sina Hinz

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Festival und der Stiftung?

Marc Tietz: Wir wollen ein spannendes Kulturangebot mit außergewöhnlichen Künstlerinnen und Künstlern für die Region unterbreiten, welches den CLASSICAL BEAT Grundgedanken transportiert. Wir wollen es schaffen, klassische, traditionelle Musik in die heutige Zeit zu übertragen und nicht vor modernen Mitteln zurückzuschrecken. Darüber hinaus wollen wir insbesondere jungen Künstlerinnen und Künstlern, die hier eingeladen werden, ein Sprungbrett in die Musikwelt bieten, den Kontakt zu besonderen Musikkünstlerinnen und -künstlern vermitteln und gemeinsam mit ihnen Konzerte zu entwickeln. Uns freut sehr, dass sich sogar eine Alumni-Gruppe gebildet hat, in der Kirill Mikhnevich den Kontakt zu früheren Künstlerinnen und Künstlern hält, die sich gegenseitig unterstützen.

Hans-Wilhelm Hagen: Es ist ein ein-maliges Projekt in Nordeuropa, bei dem über 50 internationale junge Musikerinnen und Musiker mit herausragenden Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt an dem Brückenschlag zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik arbeiten. Es vernetzt klassische Musik mit anderen Musikgenres zu hochaktuellen Musikevents und schafft neue Hörerlebnisse. Das Festival sieht sich insbesondere in der Herausforderung, ein junges Publikum für das Crossover von klassischer und elektronischer Musik zu begeistern. An neu- en Schauplätzen, nah an den Künstlerinnen und Künstlern, in informeller Atmosphäre und spannend moderiert.

Grafitti-Kunst © Helke Rüder

Warum noch ein Festival? Dazu noch zeitgleich zu dem etablier- ten Schleswig-Holstein Musik Festival und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, die sich in den letzten Jahren immer mehr dem Crossover geöffnet und ins Programm aufgenommen haben. Warum wird das CLASSICAL BEAT Festival gebraucht? Welche Lücke schließt es?

Hans-Wilhelm Hagen: Wir sind ein Schnellboot. Wir können neue Ideen schneller umsetzen als die etablierten Festivals und haben mehr Möglichkeiten, Neues auszuprobieren. Wir wollen neue Formate entwickeln und können sie leichter umsetzen als die großen Festivals.

Marc Tietz: Wir sind am innovativsten. Dazu ist unser Ansatz anders als der von anderen Festivals: Wir wertschätzen und respektieren die klassische Musik und finden es gerade deshalb so wichtig, neue und junge Ideen umzusetzen, um der klassischen Musik wieder die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdient. Den Künstlerinnen und Künstlern stellen wir damit eine große Heraus- forderung, sie müssen ihr Programm für unser Festival oftmals neu aufzustellen.

Hans-Wilhelm Hagen: Dafür sind gerade junge Musikerinnen und Musiker uns oft auch sehr dankbar, weil sie einfach die Gelegenheit bekommen, schon mal im Crossover-Bereich Erfahrungen sammeln zu dürfen. Marc Tietz: Das stimmt, junge Musikerinnen und Musiker, die aus dem klassischen Bereich kommen, haben große Schwierigkeiten, in andere Bereiche reinzuschauen, obwohl das total wichtig ist, um in der freien Musikwelt breiter aufgestellt zu sein und besser Fuß fassen können. In den Musikhochschulen liegt der Fokus oftmals noch sehr stark auf klassischer Ausrichtung.

Pierre Bertrand © Helke Rüder

Was macht das CLASSICAL BEAT Festival besonders? Wo gibt es Überschneidungen, wo Möglichkeiten zum Dialog, zum Miteinander mit den beiden Festivals?

Marc Tietz: Wir laden gerne Künstlerinnen und Künstler aus anderen Kulturen ein, sei es aus Südamerika, aus Finnland oder aus dem Orient, die traditionelle und authentische Musik mitbringen - wir verstehen uns als Festival, das Musik aus der ganzen Welt zusammenbringt und bunten Farben verschiedenster Kulturen abbildet, deren Ursprung für das Publikum erkennbar wird. Die Musik regt gewissermaßen zu einer imaginären Reise an. Wichtig ist, dass wir ein anderes Programm bieten, mit außergewöhnlichen Künstlerinnen und Künstlern - somit wollen wir auch gar nicht in Konkurrenz zu den anderen genannten Festivals stehen.

Hans-Wilhelm Hagen und Pierre Bertrand © Helke Rüder

Welches Publikum möchten Sie mit Ihrem Festival erreichen?

Marc Tietz: Wir wollen ein aufgeschlossenes Publikum erreichen, das mit klassischen Konzerten vertraut ist, aber bereit ist, sich auch auf neue, innovative Formate einzulassen, ebenso wie wir ein junges Publikum dadurch an klassische Musik heran- führen wollen.

Was sind die Säulen des CLASSICAL BEAT Festivals?

Marc Tietz: Die erste Säule ist sicherlich unser junges Team von sehr engagierten und leidenschaftlichen Personen, die dieses Festivalvorhaben realisieren. Dazu die außerordentliche finanzielle Unterstützung durch öffentliche Hand, insbesondere der Possehl-Stiftung in Lübeck, die es uns überhaupt ermöglicht, ein so vielfältiges Programm auf die Bühne zu stellen. Besonders wichtig sind natürlich noch die beeindruckenden Künstlerinnen und Künstler, die das Festival mit Leben füllen.

Ralf Schmid PYANOOK © Sina Hinz

Wie haben Sie als junges Festival die pandemiebedingte Absage im letzten Jahr gemeistert? Gerade zu einem so wichtigen Zeitpunkt, an dem sich Festivals etablieren oder wieder leise verschwinden.

Marc Tietz: Wir haben das große Glück, dass wir so tolle Sponsoren haben, die Vertrauen in unsere Arbeit und in das, was wir bieten haben und uns auch in dieser schwierigen Zeit weiterhin unterstützt haben. Und wir haben uns im letzten Jahr ja auch nicht gelangweilt - im letzten Jahr ha- ben wir auch an digitalen Formaten und Livestream-Konzerten gearbeitet und konnten auch in dem Bereich der Öffentlichkeit zwei großartige Produktionen zeigen, zum Beispiel die DIGITAL BEAT Concert-Serie.

Das diesjährige Motto des CLASSICAL BEAT Festivals lautet „Kulturrouten“. Auf welche Reise begeben Sie sich?

Marc Tietz: Dieses Jahr kann sich das Publikum auf eine Reise in den Orient freuen: Pierre Bertrand entführt das Publikum mit der Far East Suite und Daniel Schnyder und Etienne Abelin laden zu einer Reise in ihrem Oriental Express ein.

CLASSICAL BEAT, 2018 © Sina Hinz

Das Festival findet dieses Jahr zum „fünften“ Mal statt. Im Tourismus spricht man von einem Zeitraum von fünf Jahren, den ein Produkt zur Wahrnehmung und Buchungserfolg am Markt benötigt. Sind Sie mit der Entwicklung des Festivals und seiner Resonanz zufrieden? Ist das Festival angekommen?

Marc Tietz: Wir sind sehr zufrieden damit, wo wir heute stehen, aber leider haben uns die Menschen in der Region noch nicht so sehr wahrgenommen, wie wir es uns für die Zukunft wünschen. Aus diesem Grund wollen wir weitermachen und wachsen, die Marke auf keinen Fall aufgeben.

Welche Vision treibt Sie für das Festival an?

Marc Tietz: Größer, schneller, weiter. Wir befinden uns gerade in einer enormen Wachstumsphase, sei es Mediengestaltung, Öffentlichkeitsarbeit oder Produktion der Konzerte. Meine Vision wäre, eine Marke zu formen, die immer für hohe Qualität steht und sich dem Zeitgeist anpasst.

Das Gespräch führte Kai Geiger

Pre-Opening Eutin © Helke Rüder
Hans-Wilhelm Hagen, Pierre Bertrand und Marc Tietz © Helke Rüder
CLASSICAL BEAT Festival © Sina Hinz
Pierre Bertrand © Helke Rüder