Wir befragten Richie Beirach und Gregor Hübner zu ihrer bemerkenswerten Musikerfreundschaft.

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LISBET GULDBAEK

Lisbet Guldbaek

Wo und wann haben sich Richie Beirach und Gregor Hübner zum ersten Mal ge- troffen und wie war diese erste Begegnung? War es mu- sikalische Harmonie, künst- lerische Kompatibilität vom ersten Ton an?

RICHIE BEIRACH: Gregor kam zu mir nach Hause in New York, um Klavierunterricht zu nehmen. Er studierte Komposi- tion an der Manhattan School of Music bei Ludmilla Ulehla und nahm als zweites Haupt- fach Jazzklavierunterricht bei Harold Danko, einem Mitglied der MSM-Fakultät. Und Ha- rold schickte Gregor zu mir für weiterführenden Unterricht. Er war ein guter Jazzpianist, hatte aber einige Lücken in seinen Grundkenntnissen und Kenntnissen in Harmonie und Klaviertechnik. Er sagte mir, er sei Geiger, aber dafür sei sein Klavierspiel für ein zweites Ins- trument ziemlich gut. Wir hat- ten eine gute Probestunde. Ich mochte ihn sofort als Mensch – intelligent, warmherzig, lustig und mit einer sehr bescheide- nen Einstellung zum Erlernen von Musik und zum Leben. Wir beendeten die Stunde, er zog seinen Mantel an, und ich sah, er hat einen Geigenkasten auf der Schulter. Ich fragte ihn, ist das eine Geige? Er bejahte es. Kannst du Jazz spielen? Gregor antwortete etwas wie, ich weiß nicht, aber ich kann improvisieren. Daraufhin ich: Lass uns etwas spielen! Gregor war begeistert und holte eine schöne und sehr teuer ausse- hende Geige heraus und blickte mich mit diesem besonderen Lächeln an, das mir sagte: „Ich bin kein professioneller Jazzpi- anist und studiere Kompositi- on, aber ich kann mit dir im- provisieren und danke, dass du mich gebeten hast, mit dir zu spielen.“ Das sah ich alles in seinem Gesichtsausdruck. Gre- gor hatte keine Angst, sondern war sehr selbstbewusst und glücklich über die Chance, mit mir zu spielen. Ich spielte eine

kurze Sequenz und er ant- wortet mit einer Phrase und es war großartig. Musikalisch, interak- tiv, technisch versiert und sehr intuitiv 

kompo-

niert. Es war wirklich magisch. Ich glaube nicht, dass wir je- mals besser waren als in die- sem Moment. Sein unglaubli- ches musikalisches Talent zum Improvisieren und sein groß- artiger Geigenklang und seine Technik waren offensichtlich. Außerdem war sein Sound- gefüge erstaunlich groß und voll, viel größer und abwechs- lungsreicher als bei fast jedem anderen Jazz-Geiger, den ich je gehört habe. Wir haben unge- fähr 15 Minuten gespielt. Wir hielten beide an und wussten, dass wir gerade eine wichtige, brandneue musikalische Ver- bindung erlebt hatten, die Ge- burt einer langen, intensiven musikalischen Freundschaft.

Was inspiriert und fasziniert Sie an Ihrer Arbeit mit Gre- gor Hübner?
RICHIE BEIRACH: Ich spiele, nehme auf und toure nun seit über 20 Jahren mit Gregor. Er ist erwachsen geworden und mittlerweile ein ernstzuneh- mender über 50-jähriger Mann mit Familie und vielen CDs in seinem Portfolio. Er hat sich zu einem bedeutenden Komponis- ten mit einer wachsenden Lis- te innovativer Stücke in allen Genres entwickelt. Er inspiriert mich jedes Mal, wenn wir spie- len. Er hat eine Art, etwas zu schreiben, das zunächst auf dem Papier falsch aussieht oder unmöglich klingt. Aber es entpuppt sich immer als inno- vative neue Kombination von Klängen, die ihm so am Her- zen liegen. Er inspiriert mich, indem er immer wieder Neues herausbringt – neue CDs, neue Aufträge, anders als im Main- stream. Die Stärke seines musi- kalischen Charakters ist inspi- rierend. Außerdem sind wir auf sehr nette und geheimnisvolle Weise verbunden – wir sind beide am 23. Mai, 1947 und 1967, geboren. Und so durften wir vor vier Jahren unseren 70. und 50. Geburtstag mit einer neuen Veröffentlichung und ei- ner großartigen Band mit Ran- dy, George, Billy, Gregor und mir gemeinsam feiern.

Und wie fasziniert und inspi- riert Sie Richie Beirach? GREGOR HÜBNER: Vom ersten Moment an, als ich Ri-

chie traf, war er eine endlose Quelle musikalischer In- formationen, die mich fast überwältigt hat. Ich wollte jede Woche darauf zurück-

kommen, um mehr über mich selbst zu erfah- ren, wie ich Musik spiele und kom- poniere oder einfach nur Klaviertech-

niken oder harmonische Struk- turen lernen. Sein Wissen, seine Erfahrung schienen end- los zu sein und sind es immer noch. Da ich nur einige Wo- chen nach unserem Kennenler- nen die Gelegenheit hatte, mit ihm zu spielen und aufzuneh- men, änderte dies das Verhält- nis Lehrer–Schüler nicht, außer dass es zwischen uns hin und her hüpfte. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert. Jedes Mal, wenn wir auf eine Konzertbühne gehen, bin ich überrascht, dass er und seine Ideen an Orte gehen, an denen wir noch nie zuvor wa- ren. Das Gleiche passiert, wenn wir gemeinsam Workshops auf Lehrebene durchführen.

Er ist einer der großen Impro- visatoren, der uns auffordert, jederzeit ein Risiko einzugehen und immer auf der Suche nach neuen Orten in der Musik zu sein. Deshalb wird es nie zur Routine, mit ihm zu spielen, und das inspiriert mich enorm.

Wie würden Sie die künstle- rische Verbindung zwischen Ihnen und Richie Beirach be- schreiben?

GREGOR HÜBNER: Richie sagt immer, dass wir heute immer noch so spielen, wie wir 1996 in seiner kleinen Wohnung in der Spring Street in NYC in der ersten Minute gespielt haben. Und mir geht es genauso, obwohl wir unsere Musik in den letzten 21 Jahren stark weiterentwickelt haben. Was er meint, ist der Geist und die Verbindung zwischen uns, die schon in der ersten Minu- te da war. Das ist sehr selten während einer Musikkarriere, Menschen wie den Beirach zu finden, die den gleichen Geist, die gleiche Energie haben und etwas Neues in der Musik fin- den wollen. Oft kann man dies im Laufe der Zeit in Gruppen entwickeln, aber es ist unge- wöhnlich, diese Übereinstim- mung sofort zu haben. Wenn man sich unsere Herkunft und Entwicklung, die Erziehung anschaut, gibt es viele Gemein- samkeiten. Wir sind beide mit klassischer Musik aufgewach- sen und haben uns später für Improvisation und Jazz inter- essiert. Wir haben beide zufäl- lig bei derselben Lehrerin für klassische Komposition, Lud- mila Ulehla an der Manhattan School of Music, studiert. Wir haben beide einen ethnischen Hintergrund. Richie kommt aus einer osteuropäisch-jüdi- schen Familie und ich komme aus einer osteuropäischen Zi- geunermusiktradition. Viel- leicht bedeutet der Geburtstag am selben Tag auch etwas. All diese Ähnlichkeiten haben uns sofort verbunden.

Richie hatte auch mit Zbigniew Seifert gespielt, einem sehr jung verstorbenen polnischen Jazz- geiger, und Richie sah etwas Ähnliches in mir, obwohl ich damals noch nichts von Zbiggy wusste.