INTERVIEW mit Professor Bernd Ruf

Was ist CLASSICAL BEAT? ... auch in Abgrenzung zum Classic Rock eines Eberhard Schönherr der 1980er- Jahre, zu den Pop-Rock-Produktionen des Geigers David Garrett oder der „Rock meets Classic“-Serie?

Bernd Ruf: Das Festival CLASSICAL BEAT ist ein musikalisches Labor, in dem das Klassische, also das über die Zeit Hinausragende und Erhaltenswerte der westlichen europäischen Kunstmusik auf Ausdrucksformen der Gegenwart und Musik anderer Kulturen trifft und wo über Transformationsformate in die Zukunft nachgedacht wird. Eberhard Schoener war ein Pionier dieses Konzepts. Sinfonische Rockprojekte wie David Garrett oder die „Rock meets Classic“-Serie zählen nicht dazu, diese bleiben stilistisch im Rock, nur um klassisches Instrumentarium erweitert. Doch sind die Grenzen fließend, gutes Beispiel dafür ist Sting.

Wer sind Ihre Helden der Klassik und des „Beats“, die Sie künstlerisch inspiriert haben zu dem, was Sie heute machen, zu dem Musiker, der Sie heute sind?

Bernd Ruf: Klassische Komponisten, die mich wesentlich geprägt haben und in meiner Arbeit immer wieder durch- scheinen, sind Händel, Mozart, Beet- hoven und Bernstein. Aus der Welt des Jazz/Rock/Pop/World Ellington, Goodman, The Beatles, Sting und der Tango Maestro Raul Jaurena.

Wem fällt es leichter, sich auf Crossover, auf das Überwinden von Grenzen und Genres einzulassen, dem klassischen Musiker, dem Jazzer oder dem Popularmusiker?

Bernd Ruf: Da gibt es keine Unterschiede. Wichtige Voraussetzung ist eine grundsätzliche Offenheit und Neugierde am musikalischen Zugang des anderen. Für alle Beteiligten eines Crossover-Projektes liegt gerade darin der Reiz: der Zugang zur Musik. In den zentralen Parametern, was Musik ausmacht, treffen sich alle wiedertönende Energie. Aber der Weg dahin ist unterschiedlich sozialisiert.

Was war Ihr herausforderndstes Crossover-Projekt?
Bernd Ruf: Das kann ich gar nicht sagen. Jedes Projekt hat seine eigenen Herausforderungen, sei es menschlicher, technischer oder musikalischer Natur.

Gibt es künstlerische Ideen, bei denen man an Grenzen in der Realisierung kommt, mit denen man scheitert, weil die Realität das jetzt (noch) nicht funktionieren lässt?

Bernd Ruf: Nach wie vor ist die Idee, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu musizieren, faszinierend. Der bereits erwähnte Eberhard Schoener hat damit schon zu analogen Zeiten experimentiert. Im digitalen Zeitalter gibt es da natürlich ganz andere Möglichkeiten – und dennoch sind bislang physikalische Grenzen betreff der Latenz unüberwindbar, also der Zeit, die für die Übertragungswege benötigt wird. Da bin ich gespannt auf künftige Technologien. Alle anderen Probleme lassen sich eigentlich lösen. Oft geht es um unterschiedliche Wahrnehmungen von Groove, Zeit, Ausdruck, Energie, die sich aber in einer gemeinsamen Arbeit unterschiedlicher Gruppen vermitteln lassen. Das ist es, was mir so an dieser Arbeit gefällt.

Sie sind in so vielen musikalischen Genres unterwegs. Klassik, Folk, Musical, Tango, Klezmer, Jazz, Gaming-Musik, Pop, Kirchenmusik, um nur ein paar zu nennen. Woher kommt Ihre Multi-Musikalität?

Bernd Ruf: Aus meiner tiefsten Überzeugung, dass es auf der obersten Meta- Ebene einfach nur „Musik“ gibt. Es gibt keine verschiedene Musik. Energie – die tönt, tönende Energie. Das ist Musik. Die Kategorisierungen sind Hilfsmittel, verschiedene Stile unterscheidbar zu machen. Übrigens ganz unterschiedlich motiviert. Die Musikindustrie „erfand“ Kategorien, um den Markt interessant zu gestalten und um mit immer mehr Spezialisierungen, Preisen und Aus- zeichnungen Neuerscheinungen promoten zu können. Nerds, beispielsweise im Dance- und Techno-Bereich, verlieben sich darin, unzählige neue Subgenres zu entdecken. Manche Musiker und Musi- kerinnen brauchen Abgrenzungen, um die kulturelle Bedeutung des selbst ge- spielten Stils gegenüber anderen Kultu- ren herauszustellen. So gibt es viele unschöne Unterscheidungen. Aber letztlich wollen alle Musiker und Musikerinnen das Gleiche: kommunizieren, sich ausdrücken, berühren.

Was ist dabei Ihr Antrieb, der rote Faden?

Bernd Ruf: Das lässt sich gar nicht sagen. Warum bin ich Musiker geworden? Ich musiziere, seit ich denken kann. Verbunden mit meiner grundsätzlichen Neugierde, anderes kennenzulernen, mich mit Neuem zu beschäftigen, auf Entdeckungsreise zu gehen, hat sich mein musikalischer Weg entwickelt.

Sie leiten seit 2004 den Bereich Popularmusik, Jazz und Weltmusik an der Musikhochschule Lübeck, wo Sie das „Lübecker Modell“ entwickelt haben. Was ist darunter zu verstehen?

Bernd Ruf: In Lübeck haben wir an unserer Hochschule ein Modell konzipiert, welches es allen Studierenden – egal in welchem Studiengang sie studieren, egal ob beispielsweise klassische Geige, Kirchenmusik oder Komposition, ob E- Gitarre oder Drumset – ermöglicht, sowohl traditionelle klassische Musik als auch Module aus der populären Musik belegen zu können. Das lässt eine große Durchlässigkeit zu und öffnet den Blick für andere Genres.

Der Studiengang „Musik vermitteln“ ist hierbei eine Besonderheit. Was sind die Ziele des Studiengangs und warum ist es so wichtig, dass derjenige, der etwas komponiert und spielt, auch vermitteln kann?

Bernd Ruf: Im Grunde ist jeder musikalische Akt eine Form der Vermittlung. Es geht um Kommunikation. Allerdings gab und gibt es diesbezüglich große Unterschiede in der Frage, aus welcher Perspektive dies geschieht: aus der Künstler- oder Hörerperspektive, als kommunikative Einbahnstraße oder als ein Hin und Zurück. Meiner Meinung nach ist jedoch die beidseitige Zuwendung der Künstler und der Hörenden und die damit verbundene Einheit von Aktion und Reaktion der eigentliche Impuls des Musizierens. Ein weiterer Aspekt ist die Rolle der Zeit. Musik ist an die Dimension der Zeit gebunden, sie macht den jeweiligen Moment erlebbar und kann nur im Vorgang des Hörens entstehen, wobei das Hören sowohl physikalisch akustisch oder mental innerlich stattfinden kann, wie Letzteres beispielsweise bei Hörgeschädigten (z.B. Beethoven, Smetana etc.) der Fall ist. Der Wille, andere mit Musik zu erreichen, ist die Voraussetzung für die Ver- mittlung von Musik und ein großartiger Impuls für die eigene Kreativität.

Was machen Sie in Lübeck anders, sodass kein Weg an einem Studium an der Musikhochschule Lübeck vorbeiführt?

Bernd Ruf: (lacht). Ich würde mich natürlich freuen, wenn möglichst viele kreative junge Musiker und Musikerinnen ihren Weg nach Lübeck fänden, um bei uns im Vermitteln von Kunst bzw. im künstlerischen Vermitteln einen eigenen Weg zu finden. Was von vielen Studierenden als positiv wahrgenommen wird, ist die familiäre Atmosphäre der Hochschule, die aufgrund der geringen Studierendenzahl von ca. 400 einen engen Kontakt untereinander und zu den Dozenten und Dozentinnen ermöglicht. Dadurch kann ich natürlich viel individueller auf Studierende eingehen und sie darin unterstützen, ihre musikalische Persönlichkeit zu entwickeln.

Auch beim CLASSICAL BEAT Fes- tival ist Vermittlung ein ganz wichtiger Faktor. Wie entstand die Idee zum dem Projekt KREATIV LAB – Digital Soundscapes, das Sie in das CLASSICAL BEAT Festival eingebracht haben?

Bernd Ruf: Als ich vor fünf Jahren das Konzept entwarf, war für mich klar, dass möglichst niederschwellig die Kreativität von Kindern und Jugendlichen angeregt werden soll. Ich lerne viel leichter, wenn ich selbst etwas kreiere, als wenn ich davon „nur“ höre. Deshalb entstand die Idee, mit Smartphones Geräusche, Musik, Klangereignisse aus dem Alltag aufzunehmen und diese mithilfe einer Software in Beats und Sounds zu verwandeln. Notenkenntnisse sind dafür nicht erforderlich, und es können unter Anleitung unserer Lehrenden sehr intuitiv eigene Tracks erschaffen werden. Auf diese Weise entwickelt sich ein direktes Verständnis, was Musik sein kann, wie Musik entsteht und wie vielleicht die Musik des eigenen musikalischen Idols angelegt sein mag.

Was erwarten Sie sich von, mit und aus der Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen für die Musik und die Wahrnehmung des Festivals?

Bernd Ruf: Die jugendliche Perspektive ist ein unglaublich wichtiger Impuls unserer Arbeit. Sich immer wieder zu erden, wahrzunehmen, wie andere Musik verstehen, welchen Zugang junge Menschen zu für uns Ältere Selbstverständlichem finden oder eben auch nicht, hilft, den eigenen Blick stets offen zu halten und die eigene Perspektive infrage zu stellen.

Sie sind exzellent vernetzt und spielen immer wieder mit Musikern und Musikerinnen zusammen, die Sie seit vielen Jahren, zum Teil schon vom Studium her kennen. In diesem Jahr mit dem Trompeter und Echo-Preisträger Joo Kraus und dem Jazz-Pianisten und Klangkünstler Ralf Schmid. Ist das Ausprobieren, das Experimentieren, das über Genre-Banden-Spielen mit Freunden leichter? Und worauf darf sich das Publikum freuen, wenn die Freunde Joo, Ralf und Bernd mit dem Festivalorchester auf der Bühne stehen?

Bernd Ruf: In diesem Fall ist es einfach so, dass wir alle drei – Ralf, Joo und ich – uns zeit unseres individuellen Musikerweges auf dem schmalen Grat zwischen Experimentierfreudigkeit und Gabe zu populären Konzepten, zwischen Traditionsverbundenheit und darauf aufbauender Avantgardismen bewegen. Deshalb freue ich mich sehr auf unser gemeinsames Konzert, welches sich genau zwischen diesen Polen bewegen wird. Hörbar, Hörreize weckend, auch herausfordernd, aber im Sinne einer guten Vermittlung immer im engen Kontakt und gegenseitigem Austausch mit dem Publikum. Ralf, Joo und ich kennen uns seit mehr als 30 Jahren, Ralf und Joo bilden als jahrzehntealtes Duo eine Einheit. Es freut mich sehr, dass wir für CLASSICAL BEAT ein Orchesterprojekt entwickeln konnten, welches zwischen Jazz, Pop, Elektro, Groove, Dance, Klassik und freier Improvisation changiert. Das wird richtig Spaß machen!

Wie wichtig ist in der heutigen Zeit der Einbezug von „Technik“, der digitalen, elektronischen und virtuellen Möglichkeiten, Formate und Medien für die Musik, deren Vermittlung und Verbreitung?

Bernd Ruf: Kommunikation ist immer zeitgenössisch, verwendet die Kommunikationsmittel der Zeit bzw. experimentiert mit visionären Ansätzen. Wenn man Musik als Kommunikation versteht, erfordert dies zwangsläufig die Beschäftigung mit den aktuellen Kommunikationsmitteln. In jeder Zeit wurden neue Instrumente erfunden, von der Knochenflöte über die Violine, das Saxophon, die E-Gitarre bis zum ipad. Jedes Instrument steht für eine Epoche und der mit ihr verbundenen Entwick- lung. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn „heute“ mit digitaler Technik experimentiert wird, sondern selbstverständlich. Wohin die Reise geht? Das ist die spannende Frage, die uns immer wieder zu neuen Projekten antreibt.

Ist das schon Gegenwart oder immer noch Zukunft? Wo stehen wir in Deutschland mit der Technisierung in der Musik?

Bernd Ruf: Deutschland ist unabhängig von der Musik im Vergleich zu manch anderen Ländern wie beispielsweise Taiwan ein digitales Entwicklungsland. Dennoch gibt es eine gute Tradition offener, kreativer Musiker und Ingenieure, die an maßgeblichen künstlerisch-technischen Entwicklungen beteiligt waren, nehmen wir z.B. als technische Entwicklung das mp3-Format durch Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts oder künstlerisch betrachtet der Einfluss von Karlheinz Stockhausen über die Band Kraftwerk auf die New Yorker Hip-Hop- und die Londoner Electric Dance-Szene. An der Musikhochschule Lübeck besetzen wir aktuell eine neue Professur für Digitale Kreation, wo es darum geht, künstlerische und technische Visionen in neuen Werken zusammenzuführen.

CLASSICAL BEAT 2050? Was, wie und wo hören wir das Festival?

Bernd Ruf: Also in knapp 30 Jahren? Vermutlich ohne mich, zumindest was die irdische Erscheinung meiner selbst angeht (lacht). Wenn wir einmal zurückschauen, wo wir vor 30 Jahren technisch und musikalisch standen, und sehen, wie schnell die technische Entwick- lung seitdem vorangeschritten ist, vermute ich, dass die Vielfalt weiter zunehmen wird. Lokales neben Globalem, Individuelles neben Kollektivem. Vielleicht wird sogar mein Traum von gleichzeitigem latenzfreiem Musizieren auf verschiedenen Erdteilen möglich sein.

Was ist noch nicht ausprobiert, welche Grenzen sind noch nicht gesprengt?

Bernd Ruf: Jeweils die nächste, die vor mir liegt. Es gibt endlos viele, immer wieder neue, der jeweils nächste Schritt offenbart neue Hürden, aber auch neue Chancen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.