© AKJ/Iris Anemone Paul
Prof. Dr. Jan Standke © Matthias Knoch

Deutscher Jugendliteraturpreis 2020
Die Nominierungen sind so vielseitig wie die Welt,
in der wir leben

Vielfalt ist Trumpf: Von der Antarktis bis zum Mond, vom unbeschwerten Freibadsommer bis zum Identitätskonflikt im Kinderzimmer, von den einfachsten geometrischen Formen bis zum komplizierten Schriftsystem, vom Roman bis zum Gedicht: Die Nominierten für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 führen uns in entlegene Ecken der Welt, zeigen uns aber auch die Welt vor der eigenen Haustür und überraschen mit neuen Blickwinkeln“, so der Vorsitzende der Kritikerjury, Prof. Dr. Jan Standke. Die sechs Favoriten der Jugendjury gehen unter die Haut. Ob bedrohliche Wasserknappheit, fremde Fantasy-Welten, individuelle Flüchtlingsschicksale oder die Auseinandersetzung mit der Todesstrafe – immer geht es um eine Form der Grenzerfahrung. Die Sonderpreisjury würdigt in 2020 die Leistungen deutscher Autorinnen und Autoren. Insgesamt haben es 29 Titel und drei "Neue Talente" auf die Nominierungsliste geschafft. 

 

DER DEUTSCHE JUGENDLITERATURPREIS

Jedes Jahr erscheinen fast 9.000 Titel auf dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt. Hilfe bei der Orientierung bietet der Deutsche Jugendliteraturpreis. Seit 1956 zeichnet der Preis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus. Er ist mit insgesamt 72.000 Euro dotiert, wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und vom Arbeitskreis für Jugendliteratur ausgerichtet.
Der Staatspreis will die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. Drei unabhängige Jurys – die Kritikerjury, die Jugendjury und die Sonderpreisjury – sind für die Auswahl verantwortlich.

www.jugendliteratur.org

SPARTE JUGENDBUCH

Elektrische Fische
Susan Kreller (Text)

Carlsen
ISBN: 978-3-551-58404-5
15,00 € (D) , 15,50 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 12 Jahren

Jurybegründung

Wie nah Heimat und Heimatlosigkeit, Herkunft und Entwurzelung beieinander liegen können, erlebt Emma am eigenen Leib. Mit den beiden Geschwistern und ihrer Mutter zieht sie in deren Mecklenburg-Vorpommersche Heimat. Vor 20 Jahren ging die Mutter als Au-Pair nach Dublin. Nach der Trennung vom Vater der Kinder muss sie mit ihrer Familie ein neues Leben in alter Umgebung beginnen, irgendwo auf dem Land an der Ostsee.

Die drei Geschwisterkinder gehen mit der Fremdheit, die sie in der Küstenprovinz erleben, auf unterschiedliche Weise um: Emmas kleine Schwester schweigt, ihr großer Bruder stürzt sich ins dörfliche Leben und sie selbst plant die heimliche Rückkehr nach Dublin. Doch da ist noch ihr Klassenkamerad Levin. Er bietet seine Hilfe an, wird schnell zum wichtigen Zuhörer und Freund. Als Emma Einblick in sein kompliziertes Familiengefüge erhält, fragt sie sich, ob sie ihre eigene Situation wirklich richtig beurteilt.

Susan Kreller erzählt eine Geschichte, die ebenso von Heimkehr wie von der Fremde handelt und Emmas Erfahrungen des Nicht-Ankommens eindrucksvoll ausleuchtet. Die poetische Sprache des Romans ist packend und führt direkt hinein in Emmas Zerrissenheit zwischen zwei Ländern. Und am Ende steht die Einsicht, dass Heimat vor allem ein Gefühl ist.

Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte
Dita Zipfel (Text),
Rán Flygenring (Illustration)

Hanser
ISBN: 978-3-446-26444-1
15,00 € (D) , 15,50 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 12 Jahren

Jurybegründung

Gassi gehen und pro Stunde 20 Euro einkassieren – perfekt, findet Lucie Schmurrer, fast 13, die dringend Geld braucht, um von Zuhause ausziehen zu können. Lucie will unbedingt den Hundejob bei Herrn Klinge. Dass es dem aber um die Abfassung eines geheimen Kochbuchs geht, damit hat Lucie nicht gerechnet. Klinge ist irgendwie verrückt, folgt seiner eigenen Logik in der Klingewelt. Für die beherzte Lucie aber kein Grund, ihn nicht zu unterstützen. Denn Wahnsinn kennt sie auch aus ihrem normalen Teenie-Alltag: die wechselnden Beziehungen der Mutter, die Irritationen des ersten Verliebtseins oder der Beziehungsdschungel in der Schule – wo Würgeschlangen mit Schneehasen in einen Käfig gesperrt sind.

Man nehme für ein innovatives Buchrezept: einen skurrilen Plot, eine erfrischend unverblümte Sprache, ein starkes Figurenensemble, würze das Ganze mit einer großen Portion Humor und reichere es mit verblüffend zutreffenden Illustrationen an. Schon hat man eine Geschichte, die herausragt und unglaublich originell ist. Dass sie noch dazu in einem stimmig durchgestalteten Buch verpackt ist, erhöht die Lesefreude.

Keine halben Sachen
Antje Herden (Text)

Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-81248-3
12,95 € (D) , 13,40 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

Einsamkeit und Langeweile beherrschen Robins Teenagerleben. Dies ändert sich, als Leo, ein neuer Klassenkamerad, in seinen Alltag tritt.

Leo strotzt vor Selbstbewusstsein und zieht den unsicheren Robin rasch in seinen Bann. Robin lernt das Leben nun von einer anderen Seite kennen – Rauchen, Trinken und Kiffen gehören dazu. Es dauert nicht lange und der Abstieg in eine Welt von Drogen und wilden Partys beginnt. Immer weiter scheint Robin aus der Realität in eine Parallelwelt zu entgleiten. Nach einem heftigen LSD-Trip und einem anschließenden Streit mit seiner Mutter stürzt Robin berauscht aus dem Fenster, verletzt sich schwer und kämpft im Krankenhaus gegen den Tod. Jeden Tag schwindet seine Hoffnung, dass sein neuer bester Freund Leo ihn am Krankenbett besuchen kommt.

Antje Herden gelingt es, Robins jugendliche Gier nach Neuem und Zugehörigkeit in Worte zu fassen. Ihre Sprache fesselt und vermag einen Drogentrip beängstigend real zu schildern. Nie tönt es jedoch belehrend oder gar verharmlosend aus dem Text. Ungewohnt und anregend ist die Verwendung der Du-Ansprache, die irritiert und deren Geheimnis erst am Ende gelüftet wird. Ein literarischer Trip, verstörend und faszinierend zugleich.

Long way down
Jason Reynolds (Text),
Petra Bös (Übersetzung)

dtv Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-65031-1
14,95 € (D) , 15,40 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

Sieben Stockwerke, sechs Begegnungen mit Toten, drei Regeln, ein Fahrstuhl und am Ende eine Entscheidung.
Wills großer Bruder Shawn wurde auf offener Straße erschossen, sein Tod kam nicht überraschend. Seitdem Will klein ist, kennt er die Regeln der Straße: 1. Nicht weinen. 2. Niemanden verpfeifen. 3. Auf jeden Fall Rache nehmen.
Nun steht er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens: Soll er sich einreihen in die lange Liste der Toten oder ist er der Erste, der die Waffe sinken lässt und keine Rache nimmt? Will fährt im Fahrstuhl gen Erdgeschoss, durchlebt Gefühle der Angst, der Rachsucht, aber auch die Sehnsucht nach Ruhe.

Der Autor hat eine famose Idee kunstvoll umgesetzt: In einer erzählten Zeit von nur einer Minute gelingt es Jason Reynolds mit reduzierten Mitteln, Spannung und Intensität zu schaffen, die kaum Zeit zum Atmen lässt. Reynolds erster Versroman besticht durch seine präzise und gleichermaßen fesselnde Sprache. Die Knappheit lässt Raum für eigene Deutungen und fordert zum individuellen Urteil auf. Petra Bös hat den Versroman fabelhaft übersetzt. 

7-6-5-4-3-2-1-E – „Kommst Du?”

Bus 57
Dashka Slater (Text),
Ann Lecker (Übersetzung)

Loewe
ISBN: 978-3-7432-0363-1
18,95 € (D) , 19,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

Eine spontane Tat führt zur Katastrophe für zwei Jugendliche: Richard, Afroamerikaner und kriminell vorbelastet, schnippt im Bus ein Feuerzeug an und hält es an Sashas Rocksaum. Sasha, weiß und agender, steht unmittelbar darauf in Flammen und trägt qualvolle Brandverletzungen davon. Richard wird verhaftet und gerät in die Mühlen des Justizsystems. Von einem Verbrechen aus Hass ist die Rede und Richard droht eine lange Haftstrafe.

Dashka Slaters genau recherchierte Aufbereitung realer Ereignisse aus Oakland des Jahres 2013 widerlegt das zunächst Augenscheinliche. Unter Einbeziehung vielfältiger Dokumente (u.a. Interviews, juristische Kommentare, Briefe, Lyrics, poetische Beschreibungen) zeichnet die Autorin aus verschiedenen Blickwinkeln die Lebensgeschichten dieser beiden Jugendlichen nach, welche unwiederbringlich miteinander verknüpft sind. Überzeugend ist die konsequent neutrale erzählerische Darbietung mit vielen Hintergrundinformationen etwa zu Genderkonzepten und jugendlichem Strafvollzug. Deutlich wird, dass binäre Konzepte wie Opfer/Täter, männlich/weiblich, schwarz/weiß und schuldig/unschuldig nicht weiterhelfen. Stimmig und innovativ dazu ist die sprachliche Gestaltung, welche statt binärer Pronomen ein neutrales „sier“ nutzt und überraschend eingängig ist. Bus 57 ist ein wichtiges Plädoyer für eine diverse Gesellschaft.

Kein Teil der Welt
Stefanie de Velasco (Text)

Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05043-1
22,00 € (D) , 22,70 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Nominierung 2020, Kategorie: Jugendbuch
Ab 16 Jahren

Jurybegründung

Sulamith ist nicht mehr da. Sie war Esthers einzige Freundin und innige Verbündete. Die Ich-Erzählerin Esther schildert nach und nach in Rückblenden, wie die kleine Sulamith und ihre Mutter als Bedürftige von Esthers Eltern, erfolgreichen Sonderpionieren der Zeugen Jehovas, eingesponnen werden in die Strukturen der Glaubensgemeinschaft, wie Sulamith aufbegehrt und schließlich aussteigt. Nicht nur durch Esthers Stimme kommt Sulamith zu Wort, auch die Auszüge aus ihrem Tagebuch sind eine Chronik ihres Werdegangs. Die Erzählung, in die Teile „Genesis“ und „Exodus“ gegliedert, spiegelt eine zweifache Entwicklungsgeschichte, die Sulamiths und die Esthers. Denn auch Esther, anfänglich die gefügige und vielversprechende Tochter, gerät nach dem Verlust von Sulamith zunehmend in Zweifel, besonders an den Machenschaften der Eltern, bis ihr am Ende die Flucht gelingt.

Es handelt sich um einen erzählerisch vielschichtigen Roman. Angesiedelt in der Nachwendezeit, gibt er kenntnisreich Einblicke in die Organisation und Strategien der Zeugen Jehovas, deutet aber auch deren Verfolgung im Naziregime und in der DDR an. Was es für die beiden Protagonistinnen bedeutet, „kein Teil der Welt“ zu sein, wird atmosphärisch dicht entfaltet, ist aber auch über weite Strecken bedrückend und lässt einen nach der Lektüre lange Zeit nicht los.

SPARTE JUGENDJURY

Die Spiegelreisende
Die Verlobten des Winters
Christelle Dabos (Text),
Amelie Thoma (Übersetzung)

Insel
ISBN: 978-3-458-17792-0
18,00 € (D) , 18,50 € (A)
Originalsprache: Französisch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 12 Jahren

Jurybegründung

Die Erde wurde in 21 Archen zerschlagen, die seither wie Inseln am Himmel schweben. Auf der Arche Anima lebt Ophelia, bis die Matriarchinnen ihres Klans beschließen, dass sie Thorn vom Klan der Drachen heiraten soll, der auf der eisigen Arche Pol lebt. Sie weiß nicht, dass diese arrangierte Heirat politische Gründe hat. Es geht vor allem um ihre Gaben, denn sie beherrscht das Reisen durch Spiegel und sie kann mit den Händen Gegenstände „lesen“. Um der Familienehre nicht zu schaden, fügt sich Ophelia in die Pläne und reist in Begleitung ihrer Tante auf die entlegene Arche. Dort erwartet sie eine fremde Welt – voller Illusionen, Trugbilder und Intrigen.

In einem dynamischen und intelligenten Stil, geprägt durch eine auffallend treffende Wortwahl, beschreibt die Autorin ungemein phantasievoll die Geschicke ihrer Heldin, deren Gaben souverän in den Kosmos der Archen eingebunden werden. Dieser Fantasy-Roman in der Übersetzung von Amelie Thoma ist ideenreich und frei von Vorbildern, sodass man in eine faszinierende, unbekannte Welt voller überraschender Wendungen und ausgefallener Figuren eintaucht.

Junge ohne Namen
Steve Tasane (Text),
Henning Ahrens (Übersetzung)

Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5643-5
16,00 € (D) , 16,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 12 Jahren

Jurybegründung

Diese Erzählung hat uns literarisch überzeugt und emotional berührt. Das Buch ragt aus den aktuellen Fluchtgeschichten heraus. Dem etwa zehnjährigen Protagonisten bleibt als unbegleitetem Flüchtling ohne Papiere anstelle seines Namens nur der Buchstabe I. Zusammen mit den Kindern L, E und V ist er in einem Camp für Geflüchtete untergebracht. Hier sind Essen und Unterkunft knapp, Fürsorge und Zuwendung von Erwachsenen fehlen. Trotzdem erlebt dieser Junge seinen Alltag mit kindlicher Freude, sieht seiner Zukunft mit Zuversicht entgegen. Humorvoll, mutig und einfallsreich stellen sich I und seine Freunde als Geheimagenten ihren Abenteuern. Is Versuche für andere stark zu sein, ihnen zu helfen und trotz der schlimmsten Erfahrungen des belastenden Lagerlebens beharrlich nach Schönem und Hoffnungsvollem zu suchen, sind Ausdruck seines unerschütterlichen Lebenswillens, seiner kindlichen Widerstandskraft und seiner Fähigkeit, träumen und phantasieren zu können.

Steve Tasane gestaltet diese Geschichte so, dass die Leserin oder der Leser sie wie in einer Draufsicht miterlebt und Nähe ohne mitleidige Betroffenheit empfindet. Mit schnörkelloser, nahezu nüchterner Sprache beschreibt er die Abläufe im Camp und fügt in diese Schilderung Begebenheiten ein, die vom Entstehen der besonderen Beziehungen zwischen den Kindern künden. Die Geschichte des Jungen, der sich seine Einzigartigkeit nicht nehmen lässt, entwickelt ihren Sog durch die konsequent kindliche Sicht in der Ich-Perspektive, die auf dem Buchdeckel beginnt und mit dem Satz „Wir bewegen uns schnurgerade voran.“ endet.

Über die Berge und über das Meer
Dirk Reinhardt (Text)

Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5676-5
14,95 € (D) , 15,40 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 13 Jahren

Jurybegründung

Zwei Jugendliche werden unabhängig voneinander von den Taliban bedroht und müssen aus ihrem jeweiligen Zuhause in Afghanistan fliehen. Sie fliehen nicht aus eigenem Willen oder aus Hoffnung auf ein besseres Leben. Wenn sie überleben wollen, bleibt ihnen keine andere Wahl. Ihre Väter legen das Schicksal von Soraya und Tarek in die Hände von Schleppern. Die Leserinnen und Leser verfolgen die Ereignisse auf zwei unterschiedlichen Fluchtrouten der völlig auf sich gestellten Jugendlichen. Ihre Wege durch die Berge und über das Meer mit den Zielen Deutschland (Tarek) und erst Türkei dann Deutschland (Soraya) sind voller Gefahren und Schikanen. Man kann sich das Grauen nur zu gut vorstellen. Trotz allem finden beide immer wieder Hoffnung in Begegnungen mit Menschen, die sie unterstützen, und in Freundschaften, die sich entwickeln. Außerdem wird schnell klar, dass das Leben in Deutschland nicht nur für Soraya und Tarek eine große Herausforderung darstellt. Denn obwohl die beiden fiktive Personen sind, so stehen sie doch stellvertretend für viele junge Flüchtlinge aus Afghanistan und wirken sehr authentisch.

Dirk Reinhardt hat sorgfältig recherchiert, mit zahlreichen jungen Flüchtlingen gesprochen und sich ihrer Schicksale angenommen. Entsprechend ergreifend und mitreißend ist sein Roman geworden. Ein schmerzhaftes und wirklich wichtiges Buch, das uns nicht nur hilft, Geflüchtete zu verstehen, sondern uns auch einen guten Einblick in die kulturellen Hintergründe afghanischer Flüchtlinge bietet. Ein sehr beeindruckendes Jugendbuch, das man nicht so schnell vergisst!

Wer ist Edward Moon?
Sarah Crossan (Text),
Cordula Setsman (Übersetzung)

Mixtvision
ISBN: 978-3-95854-140-5
17,00 € (D) , 17,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

„Ed war mein Bruder, aber auch so was wie mein Dad und mein bester Freund.“ (S. 96)

Was, wenn dein großer Bruder im Gefängnis sitzt, zum Tode verurteilt wegen einer Tat, von der nicht bewiesen ist, dass er sie begangen hat? Was kannst du tun, wenn das Rechtssystem ihn schon längst für schuldig befunden hat? Musst du dich für immer verabschieden?

Joe Moon, 17, hat seinen Bruder Ed seit zehn Jahren nicht mehr gesehen: Ed wird des Mordes an einem Polizisten beschuldigt und sitzt in der Todeszelle. Sein Hinrichtungstermin rückt näher. Um Ed in diesen letzten Wochen nahe zu sein, reist Joe nach Texas und besucht ihn dort täglich im Gefängnis.

Zwischen dem Gefängnisalltag und Erinnerungen an die Kindheit stellen sich nicht nur Joe Fragen nach Schuld und Vergebung, nach dem Wert des Lebens und dem Sinn der Todesstrafe. Auch die Leserinnen und Leser müssen sich damit auseinandersetzen. Die Hinterfragung des Urteils wird sowohl aus Eds Perspektive als auch aus Sicht seiner Angehörigen beleuchtet.

Sarah Crossan gelingt es, dieses ungewöhnliche Thema durch einen außergewöhnlichen Schreibstil überzeugend darzustellen: Die lyrische Form reduziert den gewichtigen Inhalt auf das Wesentliche und bringt die tragischen Umstände atmosphärisch auf den Punkt. Eine Geschichte über die Bedeutung von Familie, über das Abschiednehmen sowie über gesetzliche Willkür, die Leben zerstört. Das Buch ist ergreifend und fesselt bis zur letzten Seite.

Dry
Jarrod Shusterman (Text),
Neal Shusterman (Text),
Kristian Lutze (Übersetzung),
Pauline Kurbasik (Übersetzung)

Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5638-1
15,00 € (D) , 15,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

An einem heißen Junitag in Kalifornien dreht Alyssa den Wasserhahn auf, doch außer einigen bizarren Geräuschen, die der Hahn von sich gibt, passiert nichts. Der Colorado River ist trocken und ein ganzer Bundesstaat der USA hat kein Wasser mehr.

Die Haupthandlung des Buches folgt fünf Jugendlichen, die auf sich gestellt sind und jeweils individuell und doch gemeinsam, in einer sich schnell und unerwartet wandelnden Welt um ihr Leben kämpfen. Sie erfahren am eigenen Leib wie brüchig Demokratie und Zivilisation sind, sobald es um das reine Überleben geht. Im Fokus des Romans stehen Beziehungen, Selbstbehauptung, Mitgefühl, Manipulation und Mut. Was würde ich für eine Flasche Wasser tun? Diese Frage begleitet die Leserinnen und Leser von der ersten Seite des Buches an. Ein spannendes Abenteuer mit erschreckenden Parallelen zur Realität und beängstigenden Szenarien.

Durch die phantastisch klare und illustrative Sprache der Autoren entstehen Bilder in den Köpfen der Leserinnen und Leser, die einen nicht mehr loslassen und welche die oftmals beklemmende Stimmung beunruhigend realistisch einfangen. Dry ist packend durch seine mitreißende Dynamik und seine Aktualität, welche die Folgen des Klimawandels auf einer sehr persönlichen Ebene abbildet.

Bus 57
Dashka Slater (Text),
Ann Lecker (Übersetzung)

Loewe
ISBN: 978-3-7432-0363-1
18,95 € (D) , 19,50 € (A)
Originalsprache: Englisch
Nominierung 2020, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 14 Jahren

Jurybegründung

Egal, wo „sier“ hinkommt, Sasha fällt auf: ob in der Schule, in der Stadt oder im Bus. Als Agender entspricht „sier“ nicht dem stereotypen Bild eines jungen Mannes. Verstärkt wird dies durch „sieren“ Kleidungsstil. Genau dieser zieht die Aufmerksamkeit von Richard und seinen Freunden auf Sasha. Als Richard, ein afroamerikanischer Jugendlicher, aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, im Bus neben Sasha mit einem Feuerzeug zündelt, gerät mehr oder weniger absichtlich Sashas Rock in Brand. Die folgenden Stunden werden für beide zur Hölle. Ein unaufhaltsamer Shitstorm bricht über Richard herein und die Medien versuchen, die beiden Jugendlichen in ein Täter-Opfer-Schema zu drängen. Der unfaire Umgang der Justiz mit Richard als afroamerikanischem Jugendlichen verschärft den Konflikt.

In Bus 57 arbeitet Dashka Slater einen realen Fall auf, anhand dessen vor allem klischeebehaftete Rollenbilder in Frage gestellt werden. Ohne zu be- und verurteilen, beleuchtet die Autorin sämtliche Aspekte der komplexen Situation. Nebenbei gibt sie jedem Gender eine Stimme. Kategorien wie Schuld und Unschuld, Gut und Böse, weiblich und männlich lassen sich nicht anwenden – das fordert heraus und fasziniert. Die Autorin wählt gekonnt eine Erzählform, bei der Dokumentation und sensible Erzählung miteinander verwoben sind. Dabei bleibt Slater voller Empathie nah an Sasha und Richard.