„Wie hat Euch das Buch gefallen?“
Über das Lesen der nominierten Bilderbücher mit Kindern

Gerade habe ich Ferdinand, Alma und Alp „Der Wolf, die Ente und die Maus“ vorge- lesen. Sie strahlen: „Gut!“ „Und warum?“ Diese Frage überrascht sie. Alma zuckt mit den Achseln: „Einfach so!“ Und Ferdinand ergänzt: „Witzig!“ Das Urteil meiner kleinen „Kinder-Jury“ bleibt pauschal und wenig aussagekräftig. Aber ich bleibe hartnäckig. Und allmählich kristallisiert sich heraus, was ihnen gefällt: Die Idee, dass sich eine Ente und eine Maus im Bauch eines Wolfs häuslich einrichten, finden sie sehr lustig. „Da wandert ja dann die Wohnung, wenn der Wolf läuft“, meint Alma und Alp er- gänzt: „Aber sie können gar nicht die Land- schaft sehen.“ Die drei gehören zur Gruppe der ältesten Kinder in meiner Kindergar- tengruppe. Sie einigen sich schnell auf eine Lieblingsseite: Mit Pfanne bewaffnet, gut ge- schützt durch einen Schlüsselhelm, stürmen Ente und Maus aus dem weit geöffneten Maul des Wolfs, um den Jäger zu vertreiben, der den Wolf erschießen will. Das ist die bes- te Seite! „Kann das in echt passieren?“ Die drei Kinder kichern und schütteln die Köp- fe. Gerade das Absurde macht für sie die Ge- schichte so witzig.

Eva ist ein bisschen jünger. Sie hat die Geschichte nicht verstanden. Sie kann besser anknüpfen an „Zwei für mich, einer für Dich.“ Ja, das kennt sie: Eine ungerade Zahl von Leckereien muss verteilt werden. Bär und Wiesel streiten sich darum, wer den dritten Pilz bekommt, bemerken nicht, dass sich ein Fuchs anschleicht und den heiß begehrten Pilz klaut. „Doch, das ist gerecht“, sagt eines der jüngeren Kinder, „jetzt hat jeder einen Pilz.“ Lilja ist nicht einverstanden: „Das ist gar nicht gerecht. Klauen darf man nicht.“ Und was wäre die Lösung für die drei Walderdbeeren, die es zum Nachtisch gibt? Die Kinder werden kreativ: Bär und Wiesel könnten das Eichhörnchen einladen oder die Erdbeere aufheben ... „Und wie hat Euch das Buch gefallen?“ Alma rollt mit den Augen. Sie war schon mehrfach beim Vorlesen dabei und kennt meine Frage schon. Ganz schön nervig. Trotzdem überlegt sie: Ihr hat gut gefallen, dass auf den Bildern so viele Einzelheiten zu sehen sind und findet, dass man richtig gut erkennen kann, dass Bär und Wiesel sich streiten. Sie begründet ihr Urteil – vermutlich, weil sie weiß, dass ich hartnäckig weiterfragen werde.

Nach und nach lese ich den Kindern meiner Gruppe alle für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Bücher der Rubrik Bilderbuch vor. Viele der drei- bis sechsjährigen Kinder lieben die gemütliche Atmosphäre in der Bücherecke. Sie hören sehr aufmerksam zu und sehen sich die Bilder ganz genau an. Ferdinand lauscht der Aufzählung ihm unbekannter Gerichte in „Polka für Igor“. Das einzige Gericht, das er kennt, sind Pommes. Er betrachtet den gedeckten Tisch auf der Doppelseite und sagt: „Eigentlich müssten irgendwo Pommes sein.“ Tja, die sind nicht zu entdecken. Darüber wäre ich nicht ge- stolpert. Die Intensität, die Gründlichkeit, mit der die Kinder die Illustrationen aufnehmen, berührt mich. Auch der Text wird eingesogen. Alp stören die Wiederholungen in „Stadt am Meer“: „Das ist langweilig, wenn da immer steht „Unter dem Meer gräbt mein Vater nach Kohle““. Während in anderen Bilderbüchern Textwiederholungen der Renner sind, punktet das Stilmittel dieses Mal bei meinen Kindern nicht. Alma stimmt zu: „Nervig.“ Trotzdem setzen sie sich mit dem Buch auseinander. Alp weiß, dass Bergmänner nicht viel Geld verdienen. Nur der dreijährige Milan erkennt, dass das Schwarze auf den Bildern kein Wasser ist, sondern die Kohle, nach der die Bergleute graben. Die Dimension der Gefahr erschließt sich ihnen allen nicht. Die Kinder reagieren am unmittelbarsten an einer für mich überraschenden Stelle: Auf einer der Seiten steht ein Junge nur mit einem Höschen bekleidet am offenen Fenster. Die Kinder kichern. Nur mit der Unterhose steht man doch nicht am offenen Fenster ... Diese Situation ist ihr persönlicher Bezugspunkt der Geschichte.

Kinder mit viel Leseerfahrung haben hohe Ansprüche: Text und Bild müssen Hand in Hand gehen und vor allem Sinn ergeben. „Jetzt weiß ich immer noch nicht, wer die Brücke angemalt hat.“ Callum schlägt das Bilderbuch von Dave Eggers zu. Er ist nicht zufrieden. Tatsächlich. Die Titelfrage des für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Buchs bleibt unbeantwortet. Wäre mir das aufgefallen? Vermutlich nicht.

„Unsere Ferien“ nehme ich spät zur Hand. Ein Buch ohne Text und trotzdem empfohlen ab acht Jahren. Ich wage es dennoch, das Buch mit den Kindern aus meiner Gruppe anzuschauen. Die Geschichte in ihrer Perspektivenvielfalt erschließt sich den Kindern tatsächlich erst im Zwiegespräch mit mir, vereinzelte Kinder stehen auf, bevor wir am Ende sind. Wie Achtjährige wohl auf dieses Buch reagieren?

Vor der Preisverleihung am 18. Oktober werde ich mit den Kindern meiner Gruppe unseren Favoriten küren. Ich bin gespannt. Und im nächsten Jahr? Auf ein Neues! Auf jeden Fall.

Text von Nele Schäfer