Beat Toniolo © module+ / moduleplus.ch

DIE KÜNSTLER

Beat Toniolo versteht es bei jedem seiner Projekte Künstlerinnen und Künstler verschiedener Genres, Herkunft, künstlerischer Arbeitsweise zu einem Team zu formen, die jedem Anlass einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ausdruck, Farbe, Dynamik und Strahlkraft geben. In den letzten Jahren sind daraus Künstlerfreundschaften und Programme gewachsen, die an anderen Orten auch ohne Beat Toniolo eine Fortsetzung finden. Fast jeder, den Toniolo bittet, lässt sich von ihm einspannen, an einem spannenden Ganzen, wie jetzt die Rhyality, mitzugestalten und ihre ganz persönliche Note in das Projekt einzubringen. Wir sprachen mit der Schrift- stellerin Ursula Haas, mit der Komponistin und Violinistin Helena Winkelman, mit dem Komponisten Silvan Loher und dem Jazzpianisten Thomas Silvestri über sie RHYALITY und ihre Arbeit daran.
Ursula Haas

Ursula Haas (UH)

Auch Sie zieht der Rhein oder Beat Toniolo immer wieder an den Rheinfall. Was ist die Faszination der beiden?
Ursula Haas: Mit Beat Toniolo, einem Kunst-Visionär und Macher großer Projekte, verbindet mich eine Jahrzehnte lange Freundschaft. Seit meinem ersten Theaterstück für ihn, „Das Kind, die Toten und ein Hund“ (SH 1995), trage ich bei fast allen Projekten Texte bei. Der Rheinfall ist mir seit Kindheit vertraut und eine Quelle der Inspiration, so z.B. für die Rhein- fall-Festivals mit meinem Schillerstück und Lesungen auf einem Mändliboot.

Am Anfang war das Wort! Sie wussten, Sie müssen ein Gedicht (Libretto) über den Rheinfall, für einen Film, für eine Komposition schreiben, das von der international renommierten Sopranistin Eva Lind, der Camerata Variabile Basel und dem Kinderchor der Musikschule Schaffhausen vorgetragen und von Autoren in den vier Schweizer Landessprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch) gelesen wird. Eine ganz schöne Herausforderung?
Ursula Haas: Wenn ich das innere Bild des wilden, herrisch-romantischen Rheinfalls sehe und seine Farben und Geräusche beim Schreiben höre und weiß, dass Schiller und Goethe hier waren, dann brauche ich die Stille und die Zeit, dass meine Worte für das Libretto „August am Rheinfall“ entstehen. An den Komponisten, der meinen Text vertonen wird, denke ich nicht. Manchmal stelle ich mir aber vor, dass das Stück von einer Sopranistin gesungen werden könnte.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit dem Komponisten vorstellen? Saß von Beginn an jeder Ton auf dem richtigen Wort?
Ursula Haas: Das Libretto ist die Basis für die Musik. Das Libretto regt die musikalische Fantasie des Komponisten an. Es bestimmt die Stimmung und den Inhalt des Werkes. Nachdem Silvan Loher mein dreiteiliges Libretto-Gedicht erhalten und studiert hatte, er es gleich akzeptieren konnte, haben wir (München-Oslo) über einige Stellen am Telefon gesprochen. Über die Goethe-Zitate und meine Vorstellungen. Er habe schon beim ersten Lesen Musik gehört, so Silvan. Was will ich mehr?

Wie waren die Proben, die Einspielung? Sind Sie zufrie- den und gespannt auf das Gesamtkunstwerk?
Ursula Haas: Die Proben (in Basel) sind für mich als Librettis- tin immer sehr spannend, die ich die Partitur nur unzureichend lesen kann. Bei der Probe werde ich Zeuge, wie mein Text in Symbiose mit der Musik zum Gesamtkunstwerk entsteht. Die gemeinsame Arbeit – Text und Musik – wird zum gemeinsamen Werk. Die Musiker der Camerata Variabile Basel unter der professionellen und konzentrierten Dirigentin Helena Winkelman lassen das Stück Schritt für Schritt wachsen. Mal greift der Komponist ein. Die Stimme bzw. Stimmlage der Sopranisten Eva Lind kenne ich aus einer früheren gemeinsamen Arbeit. Ohne Allüren einer Diva arbeitet sie mit. Die Aufnahme des Stückes im Rundfunk Zürich am nächsten Tag verfolge ich im Schneideraum, mit dem Blick auf das Geschehen auf der Studiobühne. Das Ergebnis macht mich glücklich.

Ursula Haas
hat deutsch-böhmische Wurzeln und wuchs in Düsseldorf und Bonn auf. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik lebt und arbeitet sie in München. Sie arbeitet in den Genres Lyrik, Erzählung, Roman, Theaterstücke, Essays sowie Libretto und schreibt musikbegleitende Texte zu konzertanten Opernfassungen. Sie erhielt viele Preise und Stipendien. Zuletzt erschien 2020 das Prosa-Tagebuch „Zerzauste Tage. Ein Jahr der Wirklichkeiten“.

www.poetessa.de

Silvan Loher © Jhon Jairo Jimenez (2018)

Silvan Loher

Wie klingt der Sommer am Rheinfall?
Silvan Loher: Vielstimmig. Es fasziniert mich immer wieder, vor einem Wasserfall zu stehen und dem Tosen zuzuhören und zu erleben, wie sich das Dröhnen, das man zunächst als einheitliches und monoton-gleichbleibendes Rauschen wahrnimmt, in viele verschiedene Klänge auffächert, vom dumpfen Grollen bis zum hellen Rauschen. Dazu kommen die Geräusche drum herum von Vögeln, Menschen, Natur und Zivilisation ...

Aus Liebe zur Natur sind Sie vor bald drei Jahren nach Norwegen gezogen. Sie haben in einem Interview gesagt, für Sie sei die Natur die größte Inspirationsquelle. Jetzt haben Sie ein Stück über den Rheinfall, eines der Naturschauspiele in Europa geschrieben. Als gebürtiger Schaffhauser eine leichte oder alles andere als leichte Aufgabe?
Silvan Loher: Ich glaube nicht, dass meine Herkunft die Aufgabe leichter oder schwerer gemacht hat – die Herausforderungen der Komposition sind universell. Und hier habe ich mir vor allem die technische Herausforderung gestellt, mit einem relativ kleinen Ensemble von neun Instrumenten so viel Klang wie möglich zu erzeugen, also quasi orchestral zu denken. Neben den abstrakt-kompositionstechnischen Herausforderungen stand natürlich die Umsetzung der poetischen Idee, der Naturimpression, in Klänge im Zentrum. Würde ich näher wohnen, wäre ich dafür im Arbeitsprozess auch ein paar Mal an den Rheinfall gefahren, um die Szenerie auf mich wirken zu lassen. Glücklicherweise gibt es aber in Norwegen auch sehr viele Wasserfälle – ich habe letzten Sommer sogar in einem geduscht!

Was schöpfen Sie aus der Natur für Ihre Musik? Haben Sie sich über die Zeit eine Bibliothek der Natur mit Klängen, Tönen, Noten und Tempi als Erinnerungen an Orte, Landschaften und Begegnungen zusammengestellt und archiviert?Silvan Loher: Ja, teilweise imaginär, teilweise konkret. Ich setze nicht oft Natur- klänge direkt in Musik um – es geht mir mehr um die poetische, gefühlsmäßige und quasi-spirituelle Wirkung der Natur. Was habe ich an jenem Ort zu jener Zeit gefühlt, erlebt, wahrgenommen? Allerdings skizziere ich gerade ein Werk für Kammerorchester, das von einem konkreten Erlebnis während einer kleinen Wanderung mit Freunden nahe der norwegischen Hochebene Hardangervidda inspiriert ist. Inmitten unzähliger zwitschernder Vögel, rauschen- der Bäume und Bäche begannen plötzlich zwei Kuckucks einen nicht endenden Dialog über eine weite Distanz, und einer der Kuckucks rief genau einen Halbton tiefer als der andere! Ich habe noch nie so etwas Poetisches erlebt und war wie verzaubert – glücklicherweise habe ich eine Minute davon mit meinem Handy aufgenommen, und kaum etwas macht mich so glücklich wie diese einminütige Aufnahme. Daraus mache ich jetzt ein Stück.

Neben der Musik ist das Schreiben, die Poesie, eine zweite große Leidenschaft. Sie haben die Musik zu den Gedichten von Ursula Haas geschrieben, die Sie für und mit der Sopranistin Eva Lind und die Camerata Variabile Basel auf- genommen haben. Wie wird Poesie zu Musik, wie näherte sich Silvan Loher den Worten, den Gedichten von Ursula Haas?
Silvan Loher: Zunächst lese ich den Text viele Male durch, rezitiere ihn, lasse ihn auf mich wirken. In aller Regel beginne ich da schon, die Musik in mir drinnen zu hören oder zu ahnen – wenn dies nicht geschieht, der Text also keine Saite in mir zum Schwingen bringt, wird die Vertonung sehr schwierig, man beißt sich dann sozu- sagen die Zähne daran aus. Das war bei Ursula Haas’ Gedichten glücklicherweise nicht der Fall, ihre Texte sind so voller Bilder und Assoziationen und ihre Spra- che sehr musikalisch, sodass das Gehirn sogleich zu arbeiten beginnt. Dann analysiere ich den Text eingehender, notiere mir den Rhythmus des Textes, verfolge die Assoziationen und musikalischen Motive, die sich mir ergeben, bestimme eine Gliederung des Textes. Erst dann beginne ich mit dem eigentlichen Kompositionsprozess, und ich habe zuvor gerne viel Zeit mit dem Text, um ihn genau kennenzulernen, sodass die Musik in mir „wachsen“ kann. Auch rein abstrakte musikalische Herangehensweisen sind möglich, in diesem Fall war es so, dass die drei kurzen Gedichte jeweils mit dem Wort „Es“ beginnen, was mir die Idee gegeben hat, mir die Aufgabe zu stellen, die gesamte Komposition um den Ton Es und verschiedene Es-Tonalitäten kreisen zu lassen. Der Ton Es wird somit zum Symbol für den „ewig“ fließenden Rhein und zugleich ein Bezug zum Beginn von Wagners Rheingold mit seiner achtminütigen Es-Dur-Klangfläche, die die Tiefen des Rheines darstellt.

Wie frei waren Sie, wie frei haben Sie sich in Ihrer Komposition über eine textliche Vorlage, die Gedichte „Rhein- fall im August“ von Ursula Haas, gefühlt?
Silvan Loher: Genauso frei, wie ich sollte – ich sehe die Vertonung als ein Geben und Nehmen – der Text hilft mir unglaublich, mit meiner Musik auf die Bahn zu kommen und gibt einen großen Teil der Form bereits vor, während ich es als Komponist als meine Aufgabe anschaue, dem Text gerecht zu werden, einen adäquaten musikalischen Ausdruck für ihn zu finden, bei der Vertonung auf Textverständlichkeit zu achten und nicht zuletzt den Text unverändert zu vertonen. Ich bin kein großer Fan von der Art, wie viele zeitgenössische Komponisten Texte vertonen – in meinem Studium an der Basler Musikhochschule wurde oft gepredigt, man solle sich als Komponist nicht die musikalische Form vom Text be- stimmen lassen, sondern gewissermaßen dem Text seine eigene Form überstülpen, aufzwingen – außerdem werden Texte oft verstückelt und sind sowieso auf eine Art und Weise vertont, die den Text kaum verständlich machen. Diese Herangehensweise ist mir sehr fremd. Was mich vor allem interessiert, ist mit der Musik und ihrer subtilen Schattierungen dem Text quasi einen Subtext zu unterlegen – mein persönlicher Kommentar, der sich ergibt, indem ich mei- ne individuellen Assoziationen zu den gedruckten Worten verfolge.

Sie sind für Schaffhausen Klassik 2022 angefragt ein Stück über die Umweltproblematik zu schreiben / komponieren. Ist Ihre Komposition für die Rhyality eine Art Ouvertüre zu dem Auftragswerk, wo Wasser als eines der vier Elemente sicherlich auch eine musikalische Abhandlung finden wird?
Silvan Loher: Wasser spielt sogar eine Hauptrolle in zwei von drei Sätzen des Werkes. Das Konzept für das Werk trage ich aber schon sehr lange in mir herum, lange bevor Rhyality geboren wurde. Allerdings sehe ich mein Schaffen als ein Kontinuum von zusammenhängenden Stücken, idealerweise lerne ich mit jedem Stück etwas Neues, das mein weiteres Schaffen beeinflussen wird. Somit wird jedes Stück auch zu einer Art Vorstudie für das nächste. Wegen der verwandten Thematik können sich da durchaus Verwandtschaften ergeben, gleichzeitig sollen beide Werke natürlich eigenständig für sich selbst Bestehen können.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Silvan Loher
*1986, stammt aus Schaffhausen. Mit zwölf Jahren begann er autodidaktisch zu komponieren. 2006 begann er sein Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik Basel bei Georg Friedrich Haas und Jakob Ullmann, dass er 2013 erfolgreich mit dem Master of Arts in Komposition/Musiktheorie abschloss. Im selben Jahr Finalist und Auszeichnung am internationalen Kompositionswettbewerb „...a Camillo Togni“ in Brescia (Italien). Das Schweizer Radio SRF strahlte mehrere seiner Uraufführungen aus. Im Juni 2017 erschien seine erste CD „Night, Sleep, Death and the Stars“ mit Klavierliedern auf dem Label Odradek, eine Co- Produktion mit dem Schweizer Radio SRF. Silvan Loher lebt und arbeitet in Oslo.
untere Bild:  Silvan Loher © Tommaso Tuzj (2016)

www.silvanloher.com

Tonia Maria Zindel und Beat Toniolo © module + modeulplus.ch

Schauspieler

Andrea Zogg © module + moduleplus.ch