B3 2020
Es geht um die Wahrheit
9. – 18.10.2020

Die fünfte B3 findet in diesem Jahr vom 9. bis 18. Oktober 2020 statt. Unter den Umständen der Corona-Pandemie haben sich die Veranstalter entschieden, maßgebliche Teile der Veranstaltung ins Netz zu verlegen. Optional können ausgewählte Programmparts im Areal von THE ARTS+/B3 auf der Frankfurter Buchmesse sowie in der Astor Filmlounge stattfinden.

Die zentrale B3-Ausstellung wird als virtueller Rundgang mit aktuellen Positionen zeitbasierter Medienkunst und innovati- ven Projekten aus allen Bewegtbild-Branchen gestaltet. Auch das Filmprogramm sowie diverse Konferenzformate werden über digitale Tools (Streamings, Live-Chats u.ä.) weltumspannend angeboten.

Als inhaltlichen Fokus haben die Veranstalter TRUTHS ausgewählt und knüpfen damit an das Motto der vergangenen Veranstaltung REALITIES an. „In den heutigen aufgeheizten und informationsintensiven Zeiten wird das Hinterfragen von präsentierten und angenommenen Wahrheiten immer wichtiger. In ihren einzelnen Programmsträngen wird sich die B3
gemeinsam mit ihren Gästen und deren Werken diesem Leit- thema wieder gesellschaftspolitisch, künstlerisch, philoso- phisch, wissenschaftlich und wirtschaftlich annähern“, sagt Prof. Bernd Kracke.

Interview
Wir sprachen mit Prof. Bernd Kracke über die Begrifflichkeiten Immersive Art, Bewegtes Bild und Augmented Reality

Wie definiert sich „bewegtes Bild“?
Bernd Kracke: In unserem konkreten Fall, das heißt im B3 Kontext, definiert sich das bewegte Bild tatsächlich sprichwörtlich und inkludiert alle kreativ, respektive künstlerisch schaffenden Bewegtbild-Bereiche. Das bedeutet, dass wir Werke und Projekte aus Film, TV, Kunst, Design und Games bis hin zur virtuellen Realität und KI gleichwertig behandeln und eine von uns kuratierte Auswahl aus diesen unterschiedlichen Bereichen präsentieren.

Natürlich ist die Basis der von der B3 präsentierten Inhalte das sogenannte STORYTELLING im Kontext zeitbasierter Medien, das dann wie- derum in der technischen Umsetzung in bewegten Bildern, die wiederum auf verschiedenen Trägermedien präsentiert werden, resultiert.

Sind bewegte Bilder Kunst oder Kommerz?
Bernd Kracke: Das liegt im Auge des Betrachters, würde ich sagen, und kann sicherlich beides sein. Per Definitionem wird der Kunst jegliche Freiheit des Ausdrucks erlaubt, dies gilt natürlich auch im Hinblick auf die Wahl des genutzten Mediums. Werke von Jonas Mekas, Laurie Andersen oder auch Cindy Sherman sind Kunst, das ist allgemeiner Konsens. Kinofilme können sowohl die künstlerische Seite als auch die kommerzielle bedienen. Ich denke da an Werke angefangen bei Victor Fleming, Billy Wilder über Rainer Werner Fassbinder bis hin zu David Lynch, Aki Kaurismäki oder Sofia Coppola (um nur einige zu nennen). Die Grenze zwischen Kunst und Kommerz ist eine fließende und sollte vorsichtig behandelt werden, da vieles, was einst als eher kommerziell bewertet wurde, heute in den allgemein gültigen Kunst- und Kulturkanon eingeflossen ist. MYST, eines der ersten großen und erfolgreichsten Computerspiele (1993) weltweit, ist inzwischen Teil einer neuen Design-Dauerausstellung des MoMa in NYC (in den Philip Johnson Galleries). Oder die TERMINATOR Filme, ehemals klassische Action Blockbuster, sind heute vielstudierte Werke an Universitäten und gelten als stilprägend innerhalb sämtlicher Bewegtbild-Branchen. Sie sehen, bewegte Bilder können immer beides sein.

Heute ist viel von „Immersive Art“ und „Augmented Reality“ die Rede. Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?
Bernd Kracke: Zunächst beschreibt Immersion den technischen Effekt, dass ein Nutzer eine virtuelle Umgebung als real empfindet, in die er „eintauchen“ kann. Im Kontext der virtuellen Realität (VR) bezeichnet Immersion den Zustand, in dem der Nutzer das Bewusstsein, sich in einer künstlichen Welt zu befinden, verliert. Er lässt sich mit allen seinen Sinnen auf das Erlebnis ein und kann mit der virtuellen Realität interagieren. Bei Immersiver Kunst steht der Betrachter nicht mehr vor dem Werk oder der Bühne, sondern im Mittelpunkt und wird zum integralen Bestandteil des Werkes. Neben dem Sehen und Hören wird seine eigene Bewegung im Raum seine Wahrnehmung verändern und ihn so zu einem Akteur in seiner eigenen Erfahrung machen. Durch „Augmented Reality“ (AR) bekommen virtuelle Inhalte eine Anwendung in der realen Welt, die mithilfe von digitalen Hilfsmitteln möglich wird. Über die Auswirkungen von immer stärker werdender Immersion wird viel diskutiert. Es besteht die Möglichkeit, dass durch die vermehrte Nutzung von Virtual Reality eine Art Sucht ausgelöst werden könnte. Gleichzeitig ist die virtuelle Realität aber auch in vielen Bereichen eine wichtige Hilfe, man denke nur an Simulationen in Industrie, Medizin oder Bildung.

Welche Rolle spielen dabei Games und Videospiele?
Bernd Kracke: Die Gamesbranche war immer Trendsetter und technologischer Treiber. Videospiele sind im Kern transmedial und stehen exemplarisch für Erzählen und Bewegtbild in jeglicher Form. Computerspiele sind in den vergangenen 30 Jahren für Millionen Menschen zu einem zentralen Medium für das Geschichten-Erzählen avanciert.Anders ausgedrückt: Games sind ein sehr wichtiger und innovativer Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft und damit eins der Leitmedien digitaler Kultur. Aus der Gamesbranche kommen nicht nur die Techniktrends, sondern auch wesentliche konzeptionelle Ansätze, wie die Zukunft der Entertainmentindustrie aussehen kann. Man denkt medienübergreifend und nutzerorien- tiert.

Was macht das bewegte Bild mit uns, wie beeinflusst es unser Leben, unsere Gedanken, Sinne und Emotionen?
Bernd Kracke: Bewegte Bilder sind heute allgegenwärtig und beeinflussen maßgeblich unser Sein. Seit Anfang des letzten Jahrhunderts wurde der Einfluss, den die bewegten Bilder auf unser Leben haben, immer größer. Das bewegte Bild wurde zu einem zentralen Instrument der Information, der Kultur und Unterhaltung, aber auch der Manipulation. Es wurde eingesetzt von diktatorischen Regimen zur Manipulation der Massen, genutzt von der Werbeindustrie, um die von ihnen gepriesenen Produkte effektiv an den Mann zu bringen, ebenso genutzt von den Kreativen in der Kultur, um ihre Geschichten, ihre Wahrheiten noch effektvoller, einprägsamer und Nähe erzeugender erzählen zu können, und privat genutzt von jedem Einzelnen, um beispielsweise Erinnerungen festzuhalten oder zu teilen. Das bedeutet, dass unser Sein, das heißt unser Leben, unsere Gedanken, Sinne und Emotionen beeinflusst, gelenkt und maßgeblich von bewegten Bildern geprägt werden. Wie wir wissen, verändern sich Gehirnstrukturen unter dem Einfluss bewegter Bilder. Dies gilt es natürlich immer mitzudenken und kritisch zu betrachten.

Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich daraus, wo sind aber auch Gefahren?
Bernd Kracke: Nun, wie ich eben angedeutet habe, werden bewegte Bilder in verschiedenster Form genutzt. Bewegte Bilder emotionalisieren direkter, sind leichter zu konsumieren. Neue Formate im Bereich des bewegten Bildes, wie die XR-Formate, lassen den Betrachter zum aktiven oder beobachtenden Protagonisten in einer von anderen erschaffenen Welt werden. Die bewegten Bilder werden zur erlebten „eigenen“ Erinnerung. 

Das bewegte Bild kann therapeutisch genutzt werden. Es kann aufklären oder gar heilen. Es kann Menschen informieren oder emotional berühren. Dies kann wiederum positiv oder negativ genutzt werden. VR-Projekte, die einen an Ebola erkrankten und geheilten Mann begleiten, können sehr eindringlich Betroffene und Ärzte informieren, Filmkomödien können Menschen über Grenzen hinweg miteinander emotional verbinden, sogenannte „Ballerspiele“ können Menschen gegenüber echter Gewalt abstumpfen lassen ... Es bleibt an uns, wie wir weiterhin mit diesem Medium umgehen werden und wollen. Daher ist es auch so wichtig, dass man das bewegte Bild in all seinen Facetten wahrnimmt und diskutiert.

Immersive Art Projekte werden immer beliebter. In Leipzig wird im dortigen Kunstkraftwerk die „Van Gogh Experience“ als Langzeitausstellung gezeigt; am Rheinfall in Neuhausen in der Schweiz entsteht mit der von Beat Toniolo initiierten „Rhyality Immersive Art Hall“ die erste ihrer Art in der Schweiz; in Paris fand im letzten Herbst unter großer internationaler Beachtung das erste Immersive Art Festival statt. Was macht die Faszination von Immersive Art aus? Sind Immersive-Art-Projekte massentaugliche Block- buster Events? Rechnen sich solche Projekte?
Bernd Kracke: Die „Immersion“, also das Eintauchen in andere Welten, schafft beim Nutzer außergewöhnliche Erlebnisse und Emotionen. Immersive Kunstprojekte erweitern sicherlich die klassische Zielgruppe von Kunst, führen also zu einer stärkeren Demokratisierung von künstlerischen Prozessen. Inwieweit die o.g. Projekte künstlerisch und wirtschaftlich nachhaltig sein können, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Wir befinden uns in einer extrem spannenden Pionierphase wie zu Beginn des Films.

2013 haben Sie die „B3 – Biennale des bewegten Bildes“ initiiert. Wie ist die Idee entstanden, was waren Ihre Beweggründe?
Bernd Kracke: Der Ansatz war, alle Facetten der bewegten Bilder in Produktion, Distribution und Rezeption abzubilden. Das Veranstaltungsformat verbindet Film, Fernsehen, Kommuni- kation, Games, Design, Wissenschaft, Kunst und Kultur in einer „Allianz des bewegten Bildes“. Institutionen und Personen aus der nationalen und internationalen Kultur- und Kreativ- branche präsentieren, diskutieren und vernetzen sich. Heute sagen wir: „Die B3 ist ein Festival und eine Plattform für das bewegte Bild: Die B3 manifestiert den Status Quo und zeigt Perspektiven auf für Innovationen und zukünftige Entwicklungen im Bereich zeitbasierter Medien und im Storytelling. Wissenschaftlicher Diskurs und professioneller Austausch zwischen den Kreativbranchen in Hessen sowie national und international sind zentrale Elemente für die hohe Qualität der B3.“

Seit letztem Jahr ist B3 Partner und Teil der Frankfurter Buchmesse im Bereich THE ARTS+. Wie kam es dazu, was waren Ihre Erwartungen und wurden diese erfüllt?
Bernd Kracke: Nach Abschluss der Veranstaltung hat es die Hessenschau wunderbar auf den Punkt gebracht: „Buchmesse wird zum multimedialen Gesamtpaket“! Ganz wesentlich dazu beigetragen haben Teilnehmer und Künstler der B3, die im Rahmen der Kooperation mit dem THE ART+- Festival neue Technologien und damit verbunden neue Sicht- und Erzählweisen eingebracht haben. Bewegte Bilder, virtuelle Realität, KI und digitale Kunst haben erstmals einen angemessenen Raum auf der Messe eingenommen und eine enorme Akzeptanz beim Publikum gefunden. 147.000 Messegäste besuch- ten das innovative Areal in der Halle 4.1, fast 4.000 Besucherinnen und Besucher nahmen an den Konferenzen, Networking-Events und Workshops von THE ARTS+ und B3 teil. Das ist für eine Premiere dieser Art mehr als bemerkenswert und macht Lust auf mehr. Ich darf an dieser Stelle Angela Dorn, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, zitieren, die gesagt hat: „Besucherinteresse und Medienresonanz zeigen ganz deutlich: Die Kooperation zwischen B3 und THE ARTS+ hat die Erwartungen mehr als erfüllt. Das Experiment hat sich gelohnt. Hier wächst ein internationales Spitzenevent in Frankfurt, von dem wichtige Impulse ausgehen für die Zukunft von Kultur und Kreativwirtschaft. Genreübergreifend und mit den nötigen Grenzüberschreitungen.“

Das Leitthema der B3 2020 heißt TRUTHS und folgt auf REALITIES in 2019. Ist die Infragestellung der Wahrheit durch die Zunahme von Fake News nicht schon lange unsere Realität? Hätte die Realität nicht auf die Wahrheit folgen müssen?
Bernd Kracke: Das kann man so oder so sehen. Ich denke, beide Begriffe sind inhaltlich, philosophisch und künstle- risch ganz direkt miteinander verwoben. Für uns stellen sich vor diesem Hintergrund wichtige Fragen: Wo steht die aktuelle Film- und Medienkunst im Verhältnis zu dem komplexen Begriff der Wahrheit? Kann Kunst, kann Kultur Bewusstsein und Haltungen verändern, Horizonte erweitern, uns dabei helfen, zwischen Schein und Realität respektive Wahrheit zu unterscheiden? Wo können Kunst und Kultur tatsächlich wirksam sein, wenn es darum geht, positive Impulse zu setzen?Die großen Verwerfungen unserer Zeit, wie z.B. Klimawandel, Migration oder Globalisierung, spiegeln sich ganz selbstverständlich in den Werken zahlreicher B3-Künstler_innen. Sie beschreiben, analysieren, beklagen die Zustände der Welt. Durchaus als Gegenbewegung in Zeiten, in denen Fake News, alternative Fakten, Verschwörungstheorien und Social- Media-Blasen Wahrheit oder vielmehr Wahrhaftigkeit in den Hintergrund drängen, wenn nicht irrelevant machen. Vor diesem Hintergrund erhält das Leitthema „TRUTHS“ der B3 2020 eine brandaktuelle Bedeutung und knüpft zugleich nahtlos an das Leitthema „REALTIES“ der vergangenen Veranstaltung an.

Was erwartet die Besucher und Teilnehmer der B3/THE ARTS+ 2020?
Bernd Kracke: Wir betrachten wie gewohnt den Status, aber auch die wichtigen Innovationen in allen relevanten Bewegtbildbereichen und artverwandten Branchen. Dazu bündeln wir unter unserem Leitthema „TRUTHS“ Ausstellungen und Konferenzen sowie ein umfangreiches Filmprogramm. In den aktuellen Zeiten ist eher das Wie die große Frage. Wir halten uns alle Optionen offen, mit der Veranstaltung zum Teil ins Netz zu gehen.

Sie sind Initiator der B3, seit 2006 Präsident der HfG Offenbach und seit 2007 Mitbegründer der hes- sischen Film- und Medienakademie, ursprünglich selbständiger Medien- gestalter und Medienkünstler. Bleibt Ihnen noch Zeit für die eigene Kreativität, das gestalterische, visuelle Schaffen?

Bernd Kracke: Für mich ist der ge- samte Arbeitsalltag stark von Fragen der kreativen Entwicklung und Verwirklichung durchdrungen, sei es durch unsere Studierenden und Lehrenden oder die Künstler_innen, die an der B3 mitwirken. Das ist faszinierend, sehr spannend, immer wieder überraschend und herausfordernd, auch in Bezug auf die eigene kreative Intelligenz, die in Alternativen denken und Lösungen ermöglichen muss, sei es in künstlerisch-gestalterischer, organisatorischer oder auch politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Eine eigene künstlerische Pro- duktion kann ich mir gegenwärtig erst wieder vorstellen, wenn all die anderen genannten Prozesse für mich abgeschlossen sind.

Das Gespräch führte Kai Geiger.