Künstler*innen aus 3 Kontinenten (Auswahl)

Sandra Mann, Foto © Tom Kauth

Sandra Mann (Deutschland)

ist eine renommierte deutsche Künstlerin und Fotografin aus Frankfurt. Sie bedient sich einer großen Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen wie Fotografie, Installation, Skulptur, Video – befasst sie sich konzeptuell mit der Beziehung der Menschen zueinander, zur Natur, zur Umwelt, Tierwelt oder Genderthematik. Ihre Arbeit und Lehre ist durch die Erforschung der Grundlagen der Fotografie, Bildsprache und Bildwahrnehmung geprägt. 2021 wurde sie mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt geehrt.

www.sandra-mann-photos.de

Waldlife, Art2021
Nachdenklich, aber auch humorvoll wirft Sandra Mann Fragen nach Identität, dem menschlichen Zusammenleben, der Interaktion zwischen Mensch und Tier sowie unserem Umgang mit Natur und Umwelt auf. Dabei hat unser heutiger, vorwiegend als Rohstofflieferant genutzter Wald nur noch wenig mit dem Ideal unberührter Natur zu tun. Der Großteil der Aufnahmen der Waldserie ist inszeniert. Es handelt sich um sorgsam komponierte Fotografien von in der Natur posierenden Kunstschaffenden und anderen Protagonist:innen. Die Wahrnehmung des Publikums wird dabei subtil auf die Probe gestellt: Häufig erschließen sich die raffinierten Bildkompositionen erst auf den zweiten Blick in ihrer ganzen Tiefe.


Anouk Wipprecht, Foto © Martijn Cruyff

Anouk Wipprecht (Niederlande)

ist eine niederländische FashionTech-Designerin, Ingenieurin und Innovatorin, die in Miami lebt. Sie arbeitet auf dem Gebiet der Wearable Robotics, mit dem Fokus auf Verhaltensaspekten der Interaktionen von körperbasiertem elektronischem Design. Sie möchte, dass ihre Kleidungsstücke die Interaktionen, die wir mit uns selbst und unserer Umgebung haben, erleichtern und erweitern. In Zusammenarbeit mit führenden internationalen Unternehmen wie z.B. Intel, Google, Adidas und vielen anderen erforscht sie, wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir Technologie in unsere Kleidung integrieren.

www.anoukwipprecht.nl

Proximity Dress, Art Performance, 2020

Könnte Mode uns alle sicherer machen? Inspiriert von Edward T. Halls Proxemics-Theorie, nutzt das PROXIMITY DRESS thermische Sensoren, um den intimen, persönlichen, sozialen und öffentlichen Raum um die Trägerin herum zu erfassen - und wenn jemand zu nahe kommt, erzeugt es eine physische Barriere, so dass Herankommende nicht näher kommen können. Das Kleid verlängert sich selbst mithilfe eines roboterartigen 3D-gedruckten Hüftmechanismus, der in das Kleid eingebaut ist, sowie eines aus Harz 3D-gedruckten transparenten Kragens mit eingebauten Näherungssensoren. Das Kleid dient auch als perfekte Anwendungsfallstudie für den 3D-Druck. Die Hüftmechanismen, die die Servos an den mechanischen Hüftteilen halten, wurden mit SLS (Selective Laser Sintering) Nylon PA-11 3D-gedruckt, um höheren Belastungen standhalten zu können. Der 3D-gedruckte transparente Kragen, der einen eher ästhetischen Nutzen hat, wurde mit einem Objet Connex 500 Multimaterial Polyjet 3D-Drucker und dem Material VeroClear von Stratasys gedruckt.

Tabita Rezaire, Foto © Marcella Ruiz Cruz

Tabita Rezaire (Frankreich)

arbeitet hauptsächlich mit audiovisuellen und performativen Medien. Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit stehen Themen wie Kolonialismus und Technologie und deren Auswirkungen auf Identität, Technologie, Sexualität, Gesundheit und Spiritualität. Sie lebt in Französisch-Guyana, studiert derzeit Landwirtschaft und plant AMAKABA - ihre Vision für kollektive Heilung im Amazonaswald.

www.tabitarezaire.com

MAMELLES ANCESTRALES, Video Art, 2019

Inspiriert von den megalithischen Landschaften Senegals und Gambias, Weltraummüll, Archäologie, Astronomie, Numerologie, Theologie und afrikanischem Verständnis des Kosmos, strebt MAMELLES ANCESTRALES (ANCESTRAL UDDERS) danach, Wege zwischen Himmel und Erde, zwischen den Lebenden und den Toten zu schaffen, in einer Welt, in der Himmelskörper, mineralisches Leben und Geister zusammen singen. Kulturen auf der ganzen Welt haben sich schon immer an den Himmel gewandt, um sich zu orientieren, Antworten zu finden und die Geheimnisse des Universums zu verstehen. Die Beobachtung des Himmels hat sich auf Architektur, Navigation, Landwirtschaft, Politik, Mathematik - und Kunst ausgewirkt. Diese Arbeit untersucht die Suche unserer Vorfahren und die Methoden, die sie benutzten, um die himmlischen Gefilde zu verstehen und sich mit ihnen zu verbinden, angesichts unseres zeitgenössischen Strebens nach räumlicher Eroberung.

PREMIUM CONNECT, Video Art, 2017

PREMIUM CONNECT stellt sich eine Studie über Informations- und Kommunikationstechnologien vor, die afrikanische Divinationssysteme, die Unterwelt der Pilze, die Kommunikation der Ahnen und die Quantenphysik erforscht, um unsere Informationsleitungen (neu) zu denken. Durch die Überwindung der Kluft zwischen Organismus, Geist und Gerät erforscht diese Arbeit spirituelle Verbindungen als Kommunikationsnetzwerke und die Möglichkeiten von dekolonialen Technologien. PREMIUM CONNECT untersucht die kybernetischen Räume, in denen sich die organische, technologische und spirituelle Welt verbinden. Wie können wir biologische oder metaphysische Systeme nutzen, um technologische Prozesse der Information, Kontrolle und Steuerung voranzutreiben? Im Gegensatz zum eurozentrisch geprägten Denken könnte unsere Informations-Superautobahn ihre Wurzeln in der afrikanischen Spiritualität finden. Bedeutende Forschungen führen die Geburt der binären Mathematik - die das Grundprinzip der Computerwissenschaften ist - auf afrikanische Wahrsagesysteme wie Ifa vom Volk der Yoruba in Westafrika zurück.

Jonathan Monaghan, Foto © E. Brady Robinson

Jonathan Monaghan (USA)

arbeitet crossmedial, u.a. mit Druck, Skulpturen und animierten Videos. Er will außerweltliche Objekte und Narrative erschaffen. Historische Kunstwerke und Science-Fiction dienen als Quellen für seine Werke. Unbewusste Ängste, die mit Technologie und Konsumwahn zu tun haben, sollen ans Licht kommen. Zu seinen Ausstellungsorten zählten das Sundance Film Festival, die Eremitage in Sankt Petersburg und das Palais de Tokyo in Paris. The New York Times und Vogue haben über ihn berichtet.

www.jonathanmonaghan.com

Den of Wolves, Video Art2020

DEN OF WOLVES ist eine nahtlos geloopte Videoinstallation, die auf eine Reihe von Referenzen zurückgreift, um eine neue, vielschichtige Mythologie zu weben. Sie folgt drei bizarren Wölfen durch eine Reihe von zunehmend surrealen Ladengeschäften, wo sie nach den Insignien eines Monarchen suchen. Die Installation, bestehend aus einer einzigen kontinuierlichen Kameraeinstellung, ist eine immersive, traumartige Reise, die Verbindungen zwischen Popkultur, institutioneller Autorität und technologischer Überabhängigkeit herstellt.

Tactile Palaces: Buckingham, Video Art, 2021

TACTILE PALACES ist eine Serie von hypnotischen digitalen Animationen, in denen eine Hand in einem Samthandschuh Teile der Innenarchitektur von ikonischen europäischen Palästen streichelt. Die Serie bezieht sich auf die Trennung zwischen dem Greifbaren und dem Virtuellen und kommentiert gleichzeitig Begehren und Reichtum im digitalen Zeitalter.

Tactile Palaces: The Louvre, Video Art2021

TACTILE PALACES ist eine Serie von hypnotischen digitalen Animationen, in denen eine Hand in einem Samthandschuh Teile der Innenarchitektur von ikonischen europäischen Palästen streichelt. Die Serie bezieht sich auf die Trennung zwischen dem Greifbaren und dem Virtuellen und kommentiert gleichzeitig Begehren und Reichtum im digitalen Zeitalter.

Jonathas De Andrade, Foto © Emanuel da Costa

Jonathas De Andrade (Brasilien)

studierte Kommunikation an der Universidade Federal de Pernambuco in Recife, der Stadt, in der er heute lebt und arbeitet. De Andrade arbeitet mit Installation, Fotografie und Video, um die Auswirkungen der Machtdynamik in der Gesellschaft, die Entwicklung der Menschheit und die Ethik zu erforschen, um die dauerhaften Folgen eines Kulturwandels zu kommunizieren, der die brasilianische Gesellschaft aufgrund verschiedener politischer Entscheidungen im zwanzigsten Jahrhundert tiefgreifend verändert hat. Seit 2007 arbeitet De Andrade mit dem Künstlerkollektiv A Casa como Convém (Das Haus, wie es sein sollte) zusammen, ein Kollektiv, das er in Recife, Brasilien, mitbegründet hat.

www.jonathasdeandrade.com.br

Directed Games, Video Art2019

JOGOS DIRIGIDOS (DIRECTED GAMES) vermittelt ein Spracherlebnis. In der Gemeinde Várzea Queimada im Sertão von Piauí, im Nordosten Brasiliens, einem Ort mit etwa 900 Einwohnern und einem hohen Anteil an Taubstummen, ist der Zugang zu Wasser und öffentlichen Investitionen ebenso beschwerlich wie das Erlernen der offiziellen Libras, der brasilianischen Gebärdensprache. Angesichts dieser Einschränkungen erfand die Gehörlosengemeinschaft von Várzea Queimada ihre eigene Sprache. Der Film zeigt Körper- und Sprechübungen und bietet eine improvisierte Bühne für Erfahrungsberichte von 18 einheimischen Männern und Frauen. Dabei werden Gesten mit Worten verknüpft und das Gestenlexikon von Várzea Queimada wird systematisiert, als ob wir es mit einem Lehrvideo zu tun hätten, das eine neue Sprache lehrt.

The Fish, Short Film Video Art, 2018

Fischer aus einem Dorf an Brasiliens Nordostküste werden vom Künstler gebeten, ein Ritual aufzuführen: sie sollen den Fisch ehren, den sie gefangen haben. Im Beisein der Kamera beruhigen die Männer ihre Beute mit widersprüchlichen Gesten, in denen Zuneigung, Solidarität und Gewalt schwingen. Die utopische Harmonie der Gemeinschaft und ihrer Umgebung verweist auf den Mangel an Verbindung zwischen Mensch und Natur. Die liebevollen Gesten, welche den Übergang zum Tod ritualisierend begleiten, sprechen für das begrenzte Verhältnis zwischen zwei Spezies, das erfüllt ist von Stärke und Dominanz. Die Bilder dokumentieren die Ambivalenz zwischen Kunst und Ethnografie. Sie laden das Publikum ein, die im Ritual verankerten Machtpositionen zu teilen, und stellen somit unsere Auffassung von Realität, Fiktion, Begehren und sozialen Bildwelten infrage. Der Film wurde mit Fischern aus Piaçabuçu und Coruripe am Fluss São Francisco gedreht.

Sin Wai Kin (fka Victoria Sin), Foto © Vic Lentaigne

Sin Wai Kin (aka Victoria Sin, Kanada)

ist eine Künstlerin, die sich spekulativ und fiktional in den Bereichen Performance, Bewegtbild und schreibend ausdrückt, um normative Prozesse des Begehrens, Identifizierens und Objektivierens zu unterbrechen. Ihre Arbeit basiert auf persönlichen Erfahrungen und präsentiert stark konstruierte Fantasy-Welten und Erzählungen.

Irreconcilable Differences, Video Art2021

IRRECONCILABLE DIFFERENCES zeigt ein Gespräch zwischen zwei Personen, die zwei Seiten einer falschen Dichotomie darstellen. Mit ihren Gesichtern, die dem Archetypus des Chou (Clown) aus der kantonesischen und der Peking-Oper nachempfunden sind, sowie mit ihren übertriebenen Kurven, Kostümen und Perücken persiflieren die Figuren die visuelle Sprache von Identitätskategorien wie Geschlecht und Rasse sowie die gesprochene und gestische Sprache und ihre Beziehung zu polarisierenden Positionierungen. Sie beginnen ein Gespräch, das zu einem Streit in einer unverständlichen Sprache wird, und überlassen es dem Publikum, die Bedeutung der Worte und Gesten individuell wahrzunehmen. Inspiriert von den taoistischen Konzepten der Perspektiven und Namen als temporäre Aufenthaltsorte oder dem Vergleich von Wissenssystemen mit Musikstilen, die auf einer Zither gespielt werden (Chuang Tzu), zelebrieren die Figuren ihre klaren, wohl bedeutungslosen, aber dennoch unüberbrückbaren Differenzen.

Narrative Reflections on Looking, Video Art2016

In seiner/ihrer Filmreihe NARRATIVE REFLECTIONS ON LOOKING erforscht Sin Wai Kin, wie Begehren durch den subjektiven Prozess des Schauens erzeugt und geformt wird. Ausgehend von der Manifestation des Begehrens im Prozess der Identifikation mit Bildern, beschäftigt sich die Künstler/in unweigerlich mit der weiter gefassten Frage nach Geschlecht und Weiblichkeit als soziale Konstrukte sowie mit deren Verhältnis. Die Simulation des Erwachens von Begehren wird hier sowohl sprachlich als auch visuell realisiert - durch die Kombination von suggestiver Narration und langsamen Bewegungen der Kamera, die den begehrenden Blick des Betrachters lenken. Die Wahl von Nahaufnahmen und statischen Kadrierungen unterstreicht die voyeuristische Dimension des Schauens (eine Eigenschaft, die mit dem Film geteilt wird), indem er/sie dem Betrachter einen ungehinderten Blick ermöglicht und ihn dazu anregt, das Bild genau zu beobachten. Das Bild ist somit das zentrale thematische Anliegen der Arbeit und ihr grundlegendes, konstituierendes Element.

Narrative Reflections on Looking I: Part One/She Was More than the Sum of My Parts, Video Art2016

Beim Durchblättern eines Modemagazins stößt der/die Erzähler/in auf das Bild einer Frau, die eine außergewöhnliche Ähnlichkeit mit ihm/ihr hat. Fasziniert versucht er/sie, eine Verbindung zu dem Bild herzustellen. Die ganze Zeit über sieht man nur Sins Figur, und als sich die Kamera nähert, kommen die Unvollkommenheiten ihrer Drag-Persönlichkeit zum Vorschein - die losen Wimpern, die sichtbare Perückenlinie... So entpuppt sich das Bild als eine Konstruktion, und ein lebendiger Körper kommt unter dem Drag zum Vorschein.

Narrative Reflections on Looking II: Part Two/The Reprise of Cthulhu, Video Art2017

PART TWO/THE RETURN OF CTHULHU ist eine Paraphrase von H.P. Lovecrafts Mythos. Zunächst taucht Sins Drag-Persona bedrohlich im Schatten auf, begleitet von Gedanken des/der Erzählers/in über die intensive Natur der gleichzeitigen Gefühle von Sympathie und Unbehagen, die er/sie empfand, als er/sie vom Blick eines unbekannten jenseitigen Wesens quasi verschlungen wurde. Sobald Sin ins Licht tritt, beginnt die Kamera, langsam über seinen/ihren Körper zu gleiten ‒ ohne zu verraten, wessen Blick letztlich wen verschlungen hat.

Narrative Reflections on Looking III: Part Three/Cthulhu Through the Looking Glass, Video Art2017

Die verzweifelten Bemühungen des/der Erzählers/in, sich mit dem Bild zu identifizieren, gipfeln im PART THREE/CTHULHU THROUGH THE LOOKING GLASS in einem leicht erotischen, gewalttätigen und höchst absurden Versuch, tatsächlich mit dem Bild zu verschmelzen. Der groteske Akt, die zerrissene Magazinseite auf das Gesicht des/der Erzählers/in zu kleben, verweist auf den Körper als Hauptort der Semiose, den Ort, an dem sich einschränkende Bedeutung materialisiert, sowie auf den Körper als potenziellen Katalysator bei der Erzeugung von störenden Bedeutungen.



Narrative Reflections on Looking: Preface/Looking Without Touching, Video Art, 2017

In PREFACE/LOOKING WITHOUT TOUCHING sehen wir eine reglose weibliche Figur in sinnlicher Pose, ausgebreitet auf rotem Satin. Gleichzeitig versucht der/die anonyme Erzähler/in, unsere Vorstellungskraft anzuregen, das Bild mit dem Objekt unserer Begierde zu verschmelzen und es schließlich als universelle Fantasie zu etablieren. Während das Bild offensichtlich auf ein Ideal der Weiblichkeit verweist, welches an das klassische Hollywood sowie auf zeitgenössische westliche Schönheitstrends erinnert, werden die weiblichen Eigenschaften der präsentierten Figur, Sins Drag-Persona, bewusst verstärkt. So verkörpert er/sie seine/ihre Weiblichkeit und parodiert sie gleichzeitig.